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XR-Trends in der Automobilindustrie: Mit Render Streaming zur 3D-Experience

| Autor / Redakteur: Herbert Baumberger / Benjamin Kirchbeck

Laut Prognose des Marktforschungsinstituts Gartner werden 2020 bereits 30 Prozent der größeren Unternehmen branchenübergreifend AR-Lösungen einsetzen. 100 Millionen Verbraucher werden über AR-Anwendungen shoppen. Diese Zahlen unterstreichen, dass nach VR nun auch AR das Plateau der Produktivität erreicht hat. Doch wohin geht der Trend der XR -Anwendungen?

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Durch neue AR-Technologien kann der User das von ihm ausgewählte Modell virtuell im eigenen Wohnzimmer konfigurieren oder in die eigene Einfahrt stellen – ohne wie bisher spezielle Apps installieren zu müssen.
Durch neue AR-Technologien kann der User das von ihm ausgewählte Modell virtuell im eigenen Wohnzimmer konfigurieren oder in die eigene Einfahrt stellen – ohne wie bisher spezielle Apps installieren zu müssen.
(Bild: ©vege - stock.adobe.com )

Das Zusammenspiel von Cloud-Computing, schneller 5G-Internetverbindung, Analytics und Künstlicher Intelligenz wird in Zukunft völlig neue Möglichkeiten eröffnen. Durch die enorme Rechenleistung in der Cloud und die rasante Datenübertragung sind nun auch hochkomplexe Anwendungen für Smartphones, Tablets und Co. möglich.

Eine Technologie, auf die Automobilhersteller jetzt setzen sollten, ist Render Streaming. So können künftig hochdetaillierte Produktpräsentationen ohne Spezial-Hardware erfolgen und interaktive 3D-Welten werden für praktisch jedes Gerät verfügbar, indem man in Echtzeit in der Cloud rendert.

Technologische Herausforderungen

Hinderungsgrund für die Verbreitung von 3D-Lösungen im Automobilsektor ist im Moment, dass der Einsatz beispielsweise beim Händler teures und wartungsaufwändiges Spezialequipment voraussetzt und insbesondere auch der Endkunde zu Hause entsprechend leistungsfähige Hardware benötigt. Dies schränkt die Reichweite extrem ein und führt zu einer Vielzahl von Insel-Lösungen für Händler und Kunden mit entsprechenden Kosten – aber auch zu Unterschieden bei der Darstellungsqualität. Render Streaming beseitigt diese Schwierigkeiten. Damit explodieren Verfügbarkeit und Reichweite solcher Lösungen.

Die Vorteile von Render Streaming

Render Streaming basiert auf der intelligenten Kombination modernster Technologien, der Cloud und wachsender Bandbreiten. Die für ansprechende Grafik entscheidende Rechenleistung wird dabei in die Cloud ausgelagert. Alle namhaften Cloud-Anbieter bieten eine Auswahl an virtuellen Maschinen mit den neuesten Grafikprozessoren (GPUs) – jene für 3D und KI elementaren aber auch teuren Grafikkarten. Diese können nun effizient orchestriert werden, um in Echtzeit hochauflösende Grafiken und Inhalte für die Konsumenten zu rendern – etwa als HD-Video-Stream an ein oder synchron auch an mehrere Endgeräte des Kunden.

Allein die User-Eingaben werden auf dem Gerät erfasst und mittels schlanker Protokolle in die Cloud signalisiert. Somit können auch mittel- und unterklassige Computer, Tablets und Mobiltelefone 3D-Inhalte in bisher unerreichter Qualität darstellen, ohne schnell an die Grenzen von Rechenleistung und Batteriekapazität zu stoßen.

Die Möglichkeiten moderner Cloud-Plattformen

Was in aktuellen 4G-Umgebungen schon gut funktioniert, wird in den nun kommenden 5G-Netzen noch einmal eine signifikante Qualitätsverbesserung erfahren. So ist Google etwa mit dem Cloud-Gaming-Service Stadia bereits drauf und dran, Render Streaming im Spielesektor zu etablieren. Doch auch die Entwicklungsplattform Unity bietet ein Software Development Kit (SDK), das die hochauflösende Grafik seiner High Definition Render Pipeline (HDRP) in die Cloud verlagern kann. Außerdem verfügt Unity dank der Übernahme des Unternehmens Obvioos mit dessen Cloud-basierten Video Streaming Service Furioos bereits über eine fast marktreife Render Streaming-Plattform, die sich aktuell in der Betaphase befindet.

Und wer es gerne selbst in die Hand nimmt, der kann auch bei Microsoft Azure, Google oder AWS seine eigene Cloud-Infrastruktur aufsetzen und entsprechend skalieren. Dies aber performant und zuverlässig umzusetzen ist nicht ganz trivial und erfordert die Hilfe erfahrener Cloud-Spezialisten. Eine Einbindung der Inhalte in existierende Web-Auftritte hingegen gestaltet sich erstaunlich einfach.

XR im Browser erleben

Ein weiterer nicht zu unterschätzender Vorteil für Automobilhersteller ist der mögliche Funktionsumfang. Nachdem die gesamte Rechenleistung auf der Cloud basiert, können komplexe 3D-Applikationen entwickelt werden, ohne immense Downloads und damit verbundene Wartezeiten zu implizieren. Der User will sein Wunschfahrzeug in vorgefertigter Umgebung erleben. Dank neuer AR-Technologien kann er das von ihm ausgewählte Modell etwa virtuell im eigenen Wohnzimmer konfigurieren oder in die eigene Einfahrt stellen – ohne wie bisher spezielle Apps installieren zu müssen. Mit der WebXR-Schnittstelle, die bereits in Chrome 81 (beta) integriert ist, sind künftig AR-Inhalte im Browser des mobilen Endgeräts möglich.

Dabei werden ähnlich wie bei den nativen Frameworks von Apple und Google Ebenen erkannt und Objekte entsprechend platziert. Die Berechnung passiert hier allerdings noch im Endgerät, so dass die Bandbreite und Rechenleistung weiterhin eine entscheidende Rolle spielen und vorerst noch optimierte 3D-Modelle erfordern. Nvidia, namhafter Hersteller von GPUs, hat diese Einschränkung erkannt und vor kurzem einen eigenen Dienst namens CloudXR samt SDK aus der Taufe gehoben. Damit können hochauflösende AR- und VR-Inhalte auf Desktoprechner und mobile Endgeräte gestreamt werden.

Ein spannendes Wettrennen steht uns bevor. Denn mit WebGPU steht bereits der Nachfolger von WebGL in den Startlöchern. Mit Chrome, Safari und Firefox sind alle namhaften Browser mit an Bord. Microsofts Edge wurde bekanntlich auch gerade eben von seiner eigenen Engine auf Chromium umgestellt. Zudem nimmt die Rechenleistung der Endgeräte weiterhin rasant zu.

XR-Entwicklungen nehmen jetzt erst richtig Fahrt auf. Sie bergen für Automobilhersteller enormes Potenzial, um Kunden personalisiert anzusprechen und echten Mehrwert zu bieten. Mit Render Streaming lassen sich künftig zentrale und einfach wartbare High-End-Lösungen für Händler und Endkunden bereitstellen und gleichzeitig die Reichweite extrem vergrößern. Autobauer sollten jetzt handeln und sich die neue Technologie zu Nutze machen, um Kundenzentrierung zu forcieren und sich vom Wettbewerb abzuheben.

* Herbert Baumberger ist Technologie-Experte beim Beratungshaus Publicis Sapient und befasst sich seit über 20 Jahren mit der Konzeption und Implementierung digitaler Services.

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