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Wo bitte ist das Lenkrad?

| Redakteur: Benjamin Kirchbeck

Design, Technik sowie Materialien und Werkstoffe setzen die Anforderungen an Funktionalität, Ergonomie, Nachhaltigkeit und Kosten des Fahrzeuginnenraums um. Doch wie sieht das Interieur von morgen aus, wenn das Auto der Zukunft ein rollendes Arbeitszimmer ist? Jörg Hölig von EDAG Engineering und Tanja Flügel vom Cluster Automotive suchen eine Antwort darauf.

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(Bild: Hersteller)

Der Fahrzeuginnenraum wird in Zukunft zur Erlebniswelt und bietet kreative Gestaltungsfreiräume. Elektromobilität und autonomes Fahren eröffnen durch kompaktere Antriebe und den Wegfall von Lenkrad und Pedalerie ganz neue Freiheitsgrade und neue Interaktionsmöglichkeiten im Auto. Und der Wandel der einstigen Designfläche ist noch nicht am Ende, denn komplette Geschäftsmodelle lassen sich rund um Interieur andocken oder sogar dafür entwickeln.

Tanja Flügel: Herr Hölig, mit dem Aufkommen des Autonomen Fahrens verändert sich das Interieur zusehends. Vernetzung und neue Mobilitätskonzepte geben dem Innenleben eines Fahrzeugs eine ganz neue Rolle. Wie sehen Sie das Ganze?

Jörg Hölig: Bisher galt das Augenmerk klar dem Fahrerarbeitsplatz oder bei Chauffeur-Limousinen dem Fond. Nun stehen wir vor einem radikalen Paradigmenwechsel. Schon die jetzigen Online-Fahrzeugkonfiguratoren der Hersteller zeigen den Trend der Individualisierung des Interieurs – hier werden bei höher automatisierten Fahrzeugen ganze Interieur-Themenwelten anwählbar und individualisierbar sein. Wir stehen hier erst am Anfang – aber es gibt bereits genügend Beispiele, wohin die Reise gehen könnte. So setzt Kia beispielsweise in einer Forschungskooperation bereits KI-Algorithmen zur Erkennung von Biosignalen ein. Die Gefühlslage des Fahrers kann in Echtzeit analysiert und der Innenraum entsprechend umgestaltet werden – beispielsweise mit einer angepassten Umgebungsillumination für mehr Wohlbefinden und erforderlichenfalls Aufmerksamkeit.

Tanja Flügel: Damit nehmen doch die Autos unterschiedliche Identitäten an, oder? Was bewegt uns – ein autonom gesteuerter Entertainer mit Lenker oder eher eine rollende Wellness-Insel mit Büroatmosphäre? Gibt es bald die Innenraum-Modi Drive, Family, Meeting oder Lounge auf Knopfdruck?

Jörg Hölig: Der Markt wird zeigen, ob es in Richtung "Smartphone auf Rädern" gehen wird. Der Gedanke ist gar nicht so abwegig, dass das Fahrzeug als Geräte-Hardware dient. Ergänzt mit digitalen Diensten oder installierbaren Fahrzeugfunktionen aus einem Online-Store und individualisiert mit Oberflächen oder "Skins" nach Kundengeschmack. Das „Umschalten“ passiert mit innovativen Glas- und Lichtoberflächen, Smart Materials und innovativen Lösungen für Eingabe- und Bedienerschnittstellen. Sehr attraktive Gestaltungsfreiräume entstehen – alles Trends, die heute bereits sichtbar sind.

Ergänzendes zum Thema
Nicht das Interieur ist wichtig, sondern die Mobilität als Ganzes!

Prof. Claus-Christian Carbon, Uni Bamberg: „Bisher war das Fahren von Funktionalitätsaspekten für den Fahrer geprägt. Anders wird es, wenn wir gefahren werden, denn dann verändert sich der Fokus und unsere Prioritäten verändern sich. Die Flexibilität des Fahrzeuginnenraums wird entscheidend sein, denn wie bei einer Tokioter Wohnung sollen einfache Umbaumöglichkeiten vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten offerieren – damit Wohn-, Arbeits- und Lebenswelten uns auch auf der Straße begleiten. Drinnen werden immer mehr innovative Materialien verbaut, die flächig stimmige ästhetische Eindrücke vermitteln. Kein Mensch verbringt im Auto seine Zeit gerne, wenn die Peripherie nicht stimmt – ob mit oder ohne Fahraufgabe.

Das bringt es auch auf den Punkt: es geht nicht mehr um das Fahren an sich, sondern vielmehr um Mobilität, vor allem um eigenständige Mobilität. Wir haben längst vergessen, was Mobilität ohne Warteschleifen wie Stau und Parkplatzsuche bedeutet. Die Mobilität muss im Ganzen betrachtet werden, ohne die Konzentration auf das Interieur der Zukunft. Das bedeutet auch, dass die Infrastruktur, die Bereitsteller von Mobilität, die Erzeuger von Mobilitätskonzepten und die Nutzer zusammen gedacht werden müssen. Das ist bis heute leider nicht annähernd geschehen Deshalb sollten wir uns auf ganzheitliche Konzepte konzentrieren – gerade, weil sie sich auch in andere Märkte skalieren lassen!“

Tanja Flügel: Was die Sinne berührt bestimmt den Materialmix im Auto – für Knöpfe, Bezüge und Armaturen. Welchen Trends folgt man aus Sicht der Werkstoffe für ein Cockpit der Zukunft?

Jörg Hölig: Nun, hier erwarte ich eine konsequente Differenzierung nach dem jeweiligen Ambiente. Die Werkstoffpalette reicht von stark individualisierten, additiv hergestellten Oberflächen und Bedienelementen zum Beispiel mit dem Namenszug des Eigentümers bis hin zu schwallwasserdichten, Vandalismus sicheren und schmutzabweisend beschichteten Bedienelementen für Robustheit im Betrieb und schnellstmögliche Reinigung. So könnten Bedienelemente im Cockpit beispielsweise nur dann sichtbar werden, wenn sie benötigt werden. Technologisch kommen dabei Näherungssensorik, Krafterkennung und haptische Rückmeldung in die Oberflächen physischer Bedienelemente zum Zug. Nicht zu unterschätzen ist die wachsende gesellschaftlicher Sensibilität für die ökologische Gesamtbilanz des jeweiligen Materialeinsatzes – Nachhaltigkeit wird zum Wohlfühlfaktor. Für uns Ingenieure lautet der Terminus technicus „Lifecycle Assessment“, d. h. ganzheitliche Bewertung der Ökobilanz eingesetzter Materialien und Prozesse – und zwar von der Fertigung bis ans Ende des „Fahrzeuglebens“.

Tanja Flügel: Und zum Stichwort „Technologie meets Interior-Design“? Steigt auch der IQ des Interieurs?

Jörg Hölig: Mit Interieur-IQ assoziiere ich funktionale Oberflächen und smarte Innenräume, die zum Beispiel die Situation im Innenraum erfassen und einordnen können: Ist der potentielle Fahrer übernahmebereit oder nicht einmal übernahmefähig – aufgrund Müdigkeit oder Trunkenheit? Hat ein Insasse ein akutes gesundheitliches Problem, oder wird im Innenraum randaliert? Diese Beobachtungsfunktionen werden mit der Automatisierung vom Fahrer auf das Fahrzeug übergehen müssen. Aber auch die Bedienkonzepte werden noch einfacher und intuitiver. Die Gestaltung der Oberflächen verändert sich in diesem Kontext grundlegend. Damit einher gehen die enormen Interaktionsmöglichkeiten. Bildschirme und alternatives Entertainment wie beispielsweise Holoride könnten die Innenräume dominieren. Noch weiter gedacht ist der Entfall vieler physischer Bedienelemente zu erwarten, die durch KI-gestützte Sprach- und Gestensteuerungen abgelöst werden dürften. Fakt ist auch, dass sich gegenwärtig als Basis dieser vielen neuen Funktionen eine im Hintergrund agierende und serviceorientierte Elektronik-Fahrzeugarchitektur durchsetzt, die außerdem voll „car2X“ vernetzt sein und mit den Devices der Nutzer harmonieren wird.

Es wird einen Schwarm von Roboter-Fahrzeugen geben, die permanent und organisiert Aufträge erledigen und Personen oder Güter individuell oder kollektiv verteilen. Die "Collectivios" von EDAG verknüpfen den ÖPNV mit dem Individualverkehr und dem Güternahverkehr.
Es wird einen Schwarm von Roboter-Fahrzeugen geben, die permanent und organisiert Aufträge erledigen und Personen oder Güter individuell oder kollektiv verteilen. Die "Collectivios" von EDAG verknüpfen den ÖPNV mit dem Individualverkehr und dem Güternahverkehr.
(Bild: EDAG)

Tanja Flügel: Wenn das Interieur schon mitdenkt: Welche Vision haben Sie dazu?

Jörg Hölig: Das wird Auto selbsttätig erkennen können, wer sich wo im Innenraum aufhält. In der Folge kann für potentiell jeden Insassen eine personalisierte Anregung der Sinne erfolgen: Anzeigengestaltung, Infotainment-Inhalte, Bedienelemente, Sitzverstellung sowie Lichtambiente und vielleicht auch Düfte. Ein hohes Automatisierungsniveau verschafft der Software die erforderlichen Spielräume, ein so stark individualisiertes Ambiente für die Insassen zu schaffen. Automatisierte Fahrfunktionen werden nur akzeptiert werden und sich durchsetzen können, wenn sie eine komfortable und sichere Fahrt gewährleisten – was die Zielkonflikte bereits andeutet. Komfortable Sitzpositionen der Insassen und eine Sitzorientierung eingedreht oder quer zur Fahrtrichtung erfordern beispielsweise angepasste Insassenschutzmaßnehmen, sollte es zu einem Unfall kommen. Da spielen Geschwindigkeit, Verkehrssituation und die Frage eine Rolle, wer angeschnallt ist und wer nicht. Kurz: Hier wird der Innenraum deutlich komplexer und es entstehen für unsere Ingenieure viele neue Herausforderungen, damit die Insassen komfortabel und sicher unterwegs sind.

Tanja Flügel: Jetzt kommt die Gretchenfrage: Bestimmt der Mensch das Fahren oder das Fahren den Menschen? Inwiefern treibt die Technik den Menschen oder andersrum?

Jörg Hölig: Im Grunde genommen sind wir mit der heutigen individuellen Mobilität verwöhnt und privilegiert – belasten aber gleichzeitig mit dem einhergehenden Ressourcenverbrauch auch die Umwelt und vielerorts die unmittelbare Lebensqualität. Insbesondere in Ballungsräumen müssen wir schon heute abwägen, was noch machbar und erträglich ist. Aus dieser Gemengelage heraus müssen Mobilitätskonzepte entwickelt werden, die mit einer ökologisch vertretbaren Gesamtbilanz aufwarten. So werden wir mit der Automatisierung der Fa

hrfunktionen mit der Frage konfrontiert, wieviel Mobilität wir eigentlich brauchen. Lästige und überflüssige Fahrten zum Laden / Tanken oder um schnell frische Sonntagsbrötchen zu holen, eröffnen neue Potenziale für weitere Geschäftsfelder von Bringdiensten. Hochautomatisierte Fahrzeuge werden sich um die Aufrechterhaltung ihrer Betriebsfähigkeit selbst kümmern – eine Steilvorlage für die Bereitstellung der erforderlichen Daten, die wir aus Industrie 4.0 und Predictive Maintenance bereits kennen.

Ergänzendes zum Thema
Kooperationsforum “Interieur im Automobil”

Mit neuen Konzepten für den Fahrzeuginnenraum befasst sich auch das jährlich stattfindende Kooperationsforum “Interieur im Automobil” von Bayern Innovativ, Im Fokus des diesjährigen Forums stehen Lichtkonzepte der Zukunft, Gesundheitsfaktor Innenraum, Smart Materials, Innovative Cockpit Konzepte sowie Transferpotenzial Non-automotive.

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