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Wie sich der digitale Umbruch im Automotive Aftermarket meistern lässt

| Redakteur: Benjamin Kirchbeck

Der Automotive Aftermarket steht vor einem grundlegenden Umbruch. Wie gehen große Player mit dem digitalen Wandel um? Welche Lösungen bieten sie und wie stellen sie sich selbst auf die rasanten Veränderungen ein? Ein Interview mit Fabrizio Giannelli von TecAlliance, einem Datenspezialisten des Independent Automotive Aftermarket.

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Fabrizio Giannelli ist als Vice President Data Manager Manufacturer bei TecAlliance tätig.
Fabrizio Giannelli ist als Vice President Data Manager Manufacturer bei TecAlliance tätig.
(Bild: TecAlliance)

Herr Giannelli, TecAlliance hat sich vor kurzem neu aufgestellt…

Richtig, 2018 haben wir eine umfassende Re-Strukturierung durchlaufen. Wir gehen damit konsequent den nächsten Schritt auf unserem Weg zu einer agilen Organisation, um so unsere Innovationskraft und Kundennähe weiter zu steigern. Die vergangenen 25 Jahre waren wir Vorreiter und Partner für innovative Geschäftsmodelle unserer Kunden. Das möchten wir bleiben, damit unsere Kunden auch weiterhin von den aktuellen Entwicklungen im digitalen Aftermarket profitieren. Das funktioniert aber nur, wenn wir uns auch selbst verändern.

Was war der Auslöser?

Digitalisierung, neue Mobilitätskonzepte und Globalisierung stellen bewährte Praktiken in Frage, schaffen aber auch Perspektiven für die Zukunft und inspirieren uns zu neuen Wegen. Darüber hinaus war die Neuaufstellung auch eine Reaktion auf das Feedback und die Wünsche der TecAlliance-Kunden, wie sie in der jährlichen Kundenbefragung und durch direktes Feedback zum Ausdruck kommen. Wir haben zugehört und unsere Konsequenzen daraus gezogen: Alle Teams, Prozesse und die IT-Landschaft der TecAlliance sind nun agil aufgestellt. Digitale Lösungen entwickeln wir heute noch flexibler und zielgerichteter für den Kunden als bisher. Entwickler, Tester, Produktverantwortlichen und die DevOps Engineers arbeiten Hand in Hand und binden den Kunden aktiv in die Entwicklungsphasen mit ein, so dass er selbst aktiv an der Produktgestaltung mitwirken kann. Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir die Zufriedenheit unserer Kunden durch mehr Eigenverantwortung und maximale Flexibilität in unseren Teams sowie kürzere Entwicklungszyklen noch steigern können.

Wie sieht die neue Organisation aus?

Wir haben unter anderem vier eigenständige Geschäftseinheiten begründet, die nicht mehr produktgetrieben, sondern am Bedarf des Kunden orientiert sind und die Lösungen für die einzelnen Zielgruppen entwickeln. Das bedeutet einen Kulturwandel und ein Aufbrechen traditioneller Daten-Silos. Es schafft ganz neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit und Synergien im Sinne des Kunden. Zu den vier Units zählen die Bereiche Data Manager Manufacturer und Data Manager Trade, außerdem die Units Order Manager und Fleet Manager. Alle Divisionen sind jeweils für den Vertrieb in Europa und die globalen Produkte, Daten und Lösungen in ihrem Bereich verantwortlich und berichten jeweils an den verantwortlichen Executive Vice President. Neben Michael Matthes, ebenfalls Vice President Data Manager Manufacturer, der die globale Produktverantwortung hat, verantworte ich den europäischen Vertrieb für die Datenmanager auf Herstellerseite: Das umfasst die Lösungen und Daten rund um OE-Daten, VIO-Daten sowie unsere Datenmanagement-Tools (DMM, PMD, CCU und PMA).

Wie wollen Sie Ihre neue Rolle ausfüllen?

Mein Ziel ist es, unsere Kunden, die Teilehersteller darin zu unterstützen, ihre Daten dem Markt noch schneller und einfacher zur Verfügung zu stellen.

TecAlliance veröffentlicht derzeit in kurzen Abständen immer wieder neue Lösungen oder Updates von etablierten Lösungen. Zeigt die agile Organisation also bereits Wirkung?

Ja, es stimmt, unsere Innovationsfrequenz hat sich erhöht. Zu den neuen Lösungen, die wir auch auf der Autopromotec in Bologna präsentieren, gehören unter anderem der Order Manager, der Data Manager, unter dem die bekannten Datenmanagement-Lösungen CCU, DMM und PMD zusammengefasst sind, der Fleet Manager sowie der Analytics Manager – insbesondere mit dem Modul Demand Dashboard. Dieses neue Modul erlaubt Teileherstellern eine gezielte Optimierung des eigenen Produktportfolios und ist eine der umfassendsten Business-Intelligence-Lösungen im Independent Automotive Aftermarket.

Ein tolles Forschungsprojekt war auch der digitale Sprachassistent, den TecAlliance und Continental für den Einsatz in der Kfz-Werkstatt entwickelt haben und der in der Branche großes Aufsehen erregte. Stolz sind wir auch auf die brandneue Version 3.0 des TecDoc Catalogue, die wir im Januar 2019 gelauncht haben und mit dem die Ersatzteilidentifikation im Alltag noch einfacher wird.

Die nächste Innovation haben Sie bereits in der Pipeline: das TecDoc Catalogue Truck Modul. Was steckt dahinter?

Unser Anspruch ist es, die weltweite größte Fahrzeugersatzteil-Datenbasis im bekannten TecDoc Catalogue um ein Modul für den NKW-Markt zu erweitern. Das bedeutet maximale Branchen-Abdeckung, beste Performance, globale Verfügbarkeit und höchste Datenqualität. Ursprung des Truck-Moduls ist eine maßgeschneiderte Lösung, die wir für einen unserer französischen Großkunden entwickelt haben, und die seit kurzem produktiv ist. Auf dieser Basis bereiten wir das neue Truck Modul für den TecDoc Catalogue vor, das sich derzeit in der Prototypenphase befindet. Wir planen, das Modul noch im Laufe dieses Jahres auf den Markt zu bringen und zwar vor allem als Webservice für die Distribution und den Handel. Erhältlich sein wird sie – wie alle TecDoc Catalogue Module - über den TecAlliance-Shop, über den Direktvertrieb, aber auch über unsere Partner.

Was zeichnet das TecDoc Catalogue Truck Modul aus?

Zum Start beinhaltet dieses Modul die OE-Daten und die Reparatur- und Wartungsdaten der sieben wichtigsten Truck-Hersteller, darunter Scania, Iveco oder MAN sowie die Daten von renommierten Anhänger- und Achsen-Herstellern wie Meritor, Giant und anderen. Die Ersatzteilidentifikation erfolgt wahlweise per VIN-Nummer, OE-Nummer oder grafischer Suche. Das Modul enthält Daten von TecDoc Catalogue-Datenlieferanten, aber auch von Ersatzteilherstellern, die ihre Daten bislang noch nicht an den TecDoc Catalogue liefern. Die OE-Referenzen haben unsere Experten von TecAlliance vorqualifiziert und mit derzeit insgesamt 150 generischen Artikeln verknüpft – so können Anwender auch nach Produkten suchen. Darüber hinaus werden die OE-Referenzen inklusive technischer Kriterien dargestellt. Derzeit enthält unser Truck Modul mehr als 13,3 Mio. VIN-Nummern, die mit den jeweiligen Artikel-Daten verknüpft sind.

Wie immer beim TecDoc Catalogue haben die Nutzer – zunächst einmal der Teilehandel, der die Informationen seinen angeschlossenen Werkstätten zur Verfügung stellen kann – auch hier Zugriff auf eine Vielzahl unterschiedlicher und herstellerkonformer Daten direkt aus der Ersatzteilesuche. Die Reparatur- und Wartungsdaten bieten eine Vielzahl an Informationen für die Bereiche Reparatur, Mechanik, Wartung und Diagnose. Zuvor wurden die Daten durch unsere Experten qualitativ aufbereitet.

Welche Herausforderung erwarten Sie in den nächsten Jahren für den Automotive Aftermarket und wie stellt sich TecAlliance darauf ein?

Elektromobilität, selbstfahrende Autos, vernetzte Fahrzeuge: Keine Frage, die Automobilbranche ist im Umbruch. Das bekommt zunehmend auch der Aftermarkt zu spüren. Die Geschwindigkeit des technologischen Wandels und der Konsolidierungsdruck werden weiter steigen. Schließlich ist der automobile Automotive Aftermarket schon heute hart umkämpft. Und wird es künftig auch bleiben: Die zunehmende Zahl an Elektroautos – mit ihrem geringeren Verschleiß – und die rückläufige Zahl von Schadensfällen könnten das Wachstum im deutschen Automotive-Aftermarket-Geschäft künftig um bis zu 10 Prozent dämpfen. Zugleich reißt die Digitalisierung die traditionelle Wertschöpfungskette zwischen Originalteileherstellern und Zulieferern, Teilehändlern und Werkstätten auf. Die Folge: Neue Anbieter aus dem klassischen E-Commerce drängen in den Markt. Nach aktuellen Erhebungen von McKinsey steht das Geschäft mit Ersatzteilen und Reparaturservices bis 2030 vor einem grundlegenden Wandel: Die die klassischen Player der Branche müssen sich mit neuen Wettbewerbern wie Technologieunternehmen Umsatz und Gewinn teilen. Umso wichtiger ist es für Teileindustrie, -händler und Kfz-Werkstätten, die Chancen der Digitalisierung aktiv zu nutzen: Zum Beispiel bei der Optimierung interner Workflows, dem Supply Chain Management oder der Kundenbindung. So lassen sich beispielsweise mithilfe vernetzter IT-Lösungen schon heute etliche Reparatur- und Warenwirtschaftsprozesse automatisieren – und dadurch Effizienzreserven heben. Künftig bietet zudem das vernetze Auto in Verbindung mit intelligenten Plattformen vielfältige Möglichkeiten für neue Geschäftsmodelle. Beispielsweise könnten Werkstätten dank Echtzeit-Daten aus dem Auto potenzielle Störungen erkennen, noch bevor sie für den Fahrer problematisch werden.

TecAlliance hat die Kompetenz, das Know-how und die Werkzeuge, um gemeinsam mit unseren Kunden, Partnern und dem Automotive Aftermarket die Vision und den Weg in die digitale Zukunft zu entwickeln. Unser Alleinstellungsmerkmal ist es, mit dem TecDoc Standard einen international anerkannten Industriestandard etabliert zu haben, der mit anderen Formaten wie ACES/PIES, MAM weltweit kompatibel ist und mit dem wir übrigens dieses Jahr unser 25-jähriges Jubiläum feiern. Der Datenstandard gilt weltweit als anerkanntes Siegel für höchste Datenqualität im IAM. Er ermöglicht eine schnelle und präzise Identifizierung von Ersatzteilen und Fahrzeugen sowie optimierte automatisierte und digitalisierte Prozesslösungen entlang der gesamten Lieferkette des freien Teilemarktes. Auf dieser Basis betreiben und pflegen wir mit dem TecDoc Catalogue und allen seinen Modulen eine der größten Kfz-Ersatzteildatenbanken weltweit. Sie ist für uns zugleich die Basis, um Anwendungen zu entwickeln, die unsere Kunden zur Optimierung ihrer Geschäftsprozesse einsetzen.

Und damit sind wir bei der nächsten großen Herausforderung, nämlich künftig immer größere Datenmengen zu bewältigen. Damit meine ich nicht nur die In-Vehicle-Daten aus den vernetzten Fahrzeugen, sondern auch die Datenmengen im Nachgang zum Inkrafttreten des neuen EU-Typgenehmigungsverfahrens 2020. Brüssel hat die Hersteller verpflichtet, allen Akteuren im Automotive Aftermarket einen diskriminierungsfreien Zugang zu ihren OBD-Fahrzeugdaten sowie Wartungsplänen und Reparaturinformationen zu gewähren. Das bedeutet, dass sehr umfangreiche Datenmengen mit hoher Aktualisierungsrate auf den Markt kommen, die aufgenommen und verstanden werden müssen. Als einer der führenden Spezialisten für Datenmanagement im freien Teilemarkt betrachten wir es als unsere Aufgabe, die digitalen Datenmassen für den Markt entsprechend aufzubereiten. Des Weiteren investieren wir hier auch gemeinsam mit unserer Tochtergesellschaft Caruso und Bildungseinrichtungen in die Forschung, um neue Technologien marktfähig zu machen, wie z.B. Distributed Ledger, die eine überprüfbare Historie aller Informationen bietet, die in diesem bestimmten Datensatz gespeichert sind.

Das dritte große Thema ist für uns die fortschreitende Globalisierung der Branche und natürlich auch unserer Organisation. Wir legen großen Wert auf globale Verfügbarkeit. Das erreichen wir, indem wir vor Ort sind und die Sprache(n) unserer Kunden sprechen: Schon heute sind viele unserer Produkte, Lösungen und Dienstleistungen in 35 Sprachen verfügbar und kommen in mehr als 140 Ländern auf 6 Kontinenten zum Einsatz. Die mehr als 600 Mitarbeiter von TecAlliance stammen aus 26 Nationen und wir sind derzeit an 19 Standorten präsent. Diese regionale Präsenz bauen wir gerade verstärkt weiter aus. Vor kurzem haben wir einen Standort in Indien, in Chennai eröffnet und uns mit dem Kauf von JNPSoft in Nordamerika weiter verstärkt. Unsere 35 Shareholder – weltweit führende Unternehmen der internationalen Teileindustrie und des Handels im Automotive Aftermarket – haben den Wunsch, dass wir unseren Standardisierungsauftrag weltweit erfüllen.

Danke für das Gespräch.

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