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Wie die Autobranche über die Ethik-Leitlinien zum autonomen Fahren denkt – Teil 2: Daimler

| Redakteur: Benjamin Kirchbeck

Im Juli hat die Ethik-Kommission 20 Leitlinien für das autonome Fahren vorgestellt. Im zweiten Teil lesen Sie die Analyse von Daimler-Experte Dr. Thomas Laubert.

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Autonom und intelligent: Das Concept Car F015 Luxury in Motion von Daimler.
Autonom und intelligent: Das Concept Car F015 Luxury in Motion von Daimler.
(Bild: Daimler )

Das Beste oder nichts. Nahezu jeder kann diesen Slogan zuordnen. Das Beste oder nichts – in naher Zukunft wird dies für Daimler mehr denn je zu einer Verpflichtung, denn: Nur die ausgereiftesten und zuverlässigsten Systeme werden der ultimativen Herausforderung des autonomen Fahrens gerecht werden. Der deutsche Branchenprimus Daimler (gemessen an den Absatzzahlen 2016) will auch zukünftig in der Welt der automatisierten und autonomen Fahrzeuge (siehe Kastentext) die Krone auf dem Kopf und das Zepter in der Hand haben.

Ergänzendes zum Thema
Die fünf Stufen des autonomen Fahrens

Level 1: Keine Übernahme von Fahraktivitäten durch Assistenzsysteme.

Level 2: Fahrerassistenzsysteme als Vorstufe zum automatisierten Fahren. Der Fahrer bleibt permanent in der Fahrverantwortung (Hands-on Detection).

Level 3: Erstmals ab Level 3 ist eine Teilung der Verantwortung für die Fahrzeugsteuerung zwischen Fahrer und Fahrzeug möglich. Der Fahrer kann sich während einer hochautomatisierten Fahrt im gleichgerichteten, vom Gegenverkehr abgegrenzten Straßenverkehr über einen längeren Zeitraum mit bordeigenen Nebentätigkeiten beschäftigen bzw. entspannen (Eyes off). Er muss weiterhin in der Lage sein, die Fahraufgabe, nach Aufforderung durch das System, innerhalb einer angemessenen Zeit (einige Sekunden) wieder zu übernehmen.

Level 4: Vollautomatisiertes Fahren im Stadtverkehr und in einer erweiterten Ausbaustufe im gleichgerichteten, vom Gegenverkehr abgegrenzten Verkehr. Der Fahrer kann während der Fahrt auf langen Strecken gegebenenfalls schlafen. Wesentlicher Unterschied zu Level 3: deutlich ausgedehnteres Zeitintervall bis zur erneuten Übernahme des Steuers (Mind off).

Level 5: Autonomes Fahren, Lenkrad und Pedalerie nicht mehr zwingend erforderlich, Passagiere sitzen ohne Fahraufgabe im Fahrzeug; Fahrerlaubnis nicht erforderlich (Driver off). Sofern Pedalerie und Lenkrad vorhanden sind, kann der Fahrer das Fahren übernehmen, muss aber niemals.

Doch gleiches Spiel für alle: Auch für Daimler stellt sich die Frage nach rechtlichen Rahmenbedingungen und ethischen Grundsätzen. Dr. Thomas Laubert, Group General Counsel bei der Daimler AG, schätzt die aktuellen Gegebenheiten und zukünftigen Anforderungen ein.

EP: Die Ethik-Kommission schreibt, dass ein autonomes Fahrzeug keine oder Dilemma-Situationen zulassen darf. Trotz aller Sensorik und KI – ist das vollkommen unfallfreie Fahren zukünftig wirklich umsetzbar und wo liegt der Fehler-Toleranzbereich?

Dr. Thomas Laubert:Natürlich ist das Ziel immer die bestmögliche Sicherheit. Bereits heute sind unsere Fahrsysteme auf ein vorausschauendes und defensives Fahren ausgerichtet und im Rahmen der technischen Möglichkeiten auf Unfallvermeidung ausgelegt und programmiert. Dieser Anspruch gilt für Daimler auch beim autonomen Fahren, das in dieser Frage einen echten Mehrwert bietet: Studien zufolge sind circa 90 Prozent der Verkehrsunfälle auf menschliche Fehler zurückzuführen.

Wir haben mit dieser Technologie die Chance, die Zahl der Verkehrsunfälle deutlich zu verringern. Dafür ist eine realistische und sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema notwendig, auch bei den oft sehr emotional geführten Diskussionen zu den sogenannten Dilemma-Situationen.

EP: Die Ethik-Kommission befindet, dass Dilemma-Situationen eigentlich aus ethischer Sicht nicht lösbar sind. Müsste das nicht der Knock-Out für hochautomatisierte Systeme sein und wenn sich selbst eine Ethik-Kommission nicht einigen kann, wer soll dann die Rahmenbedingungen kreieren?

Dr. Thomas Laubert: Für hoch- und vollautomatisierte Systeme hat der deutsche Gesetzgeber erst kürzlich das Gesetz zum automatisierten Fahren verabschiedet. Das ist ein wichtiger Schritt, den wir begrüßen, denn neue Technologien brauchen Rechtssicherheit. Das verabschiedete Gesetz soll 2019 evaluiert und gegebenenfalls an die neue technische Entwicklung angepasst werden.

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