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Wer entwickelt das Betriebssystem für das Auto von morgen?

| Redakteur: Benjamin Kirchbeck

Dr. Peter Oel, Leiter E/E-Integration, Simulation und Test, vor der Übersicht aller Teststände.
Dr. Peter Oel, Leiter E/E-Integration, Simulation und Test, vor der Übersicht aller Teststände. (Bild: VW)

Autos sind bald voll vernetzt, verbunden mit dem IoT und im ständigen Datenaustausch. Auch der VW-Konzern arbeitet unter Hochdruck am Betriebssystem für die Mobilität der Zukunft. Die Grundlage hierfür legen rund 1.400 Mitarbeiter der Elektrik-/Elektronik-Entwicklung in Wolfsburg.

Marie Puhle hilft dem jungen Mann mit der VR-Brille. Er hat Platz genommen auf dem Fahrersitz eines Simulators. Vor ihm läuft auf drei Leinwänden eine typische Autobahnszene ab. Während sich das reale Cockpit auf Lenkrad und Armaturen beschränkt, sieht der Testfahrer durch seine VR-Brille viel mehr: alle Details des Innenraums, Anzeigen und Bedienelemente. Der Fahrer kann sich umsehen, alles ausprobieren und findet sich schnell zurecht in diesem virtuellen Auto. Er startet und fädelt sich in den Verkehr ein. Marie Puhle ist zufrieden.

Die Ingenieurspsychologin Puhle gehört zu einem der fünf- bis zehnköpfigen Teams, die hier in Halle 90b am Auto der Zukunft arbeiten. Halle 90b ist ein mehrstöckiger, glasverkleideter Komplex im Herzen der Technischen Entwicklung im Werk Wolfsburg. Im Gebäude gelten erhöhte Sicherheitsvorkehrungen, denn hier entwickeln Expertenteams die Innovationen von morgen und übermorgen.

EE-Entwicklungsleiter Rolf Zöller analysiert, dass es beim Thema Internetsoftware vielleicht noch Aufholbedarf gebe, man sich aber definitiv annähere.
EE-Entwicklungsleiter Rolf Zöller analysiert, dass es beim Thema Internetsoftware vielleicht noch Aufholbedarf gebe, man sich aber definitiv annähere. (Bild: VW)

Dazu gehört, wie der Nutzer das Auto erlebt, die sogenannte „User Experience“, kurz UX. Deshalb untersucht Psychologin Puhle im Team mit Designern, Ingenieuren und Software-Entwicklern, wie das Auto der Zukunft gesteuert werden kann. „Wir werden die Bedienung nicht schlagartig verändern“, sagt Marie Puhle. Sie und ihre Kollegen achten darauf, dass Bewährtes bleibt und das Auto intuitiv zu bedienen ist. Hier wird behutsam weiterentwickelt, und was das Team konzipiert, wird in einigen Jahren in Serienfahrzeugen zum Einsatz kommen.

Innovationen unter der Motorhaube

Aber viele Innovationen der EE-Entwicklung bleiben für den späteren Nutzer unsichtbar. Das Auto der Zukunft wird ein voll vernetztes Gerät sein, verbunden mit dem Internet der Dinge, im ständigen Datenaustausch und durch regelmäßige Aktualisierungen stets aktuell – wie ein Smartphone auf Rädern. Die Grundlage hierfür legen die rund 1400 Mitarbeiter der EE-Entwicklung.

„Bei uns arbeiten Ingenieure und Software-Entwickler schon heute sehr eng zusammen und ergänzen sich“, sagt Rolf Zöller, Leiter der EE-Entwicklung. „Was wir hier machen, ist echte Teamarbeit.“ In den kommenden Jahren werde sich das weiter verstärken, sagt er und betont, der Bedarf an Software-Entwicklern und IT-Experten werde sich in den nächsten drei Jahren verzehnfachen.

Allein an der Start-Stopp-Funktion eines Wagens sind aktuell rund 20 Teilsysteme mit unterschiedlicher Software beteiligt. Das Ziel für die Zukunft lautet: Die vielen technischen Systeme, die heute im Auto parallel laufen, sollen vereinheitlicht und vernetzt werden. Diesen Schritt will Volkswagen selbst steuern und vorantreiben, oder anders: Das Betriebssystem für die Mobilität der Zukunft entwickelt Volkswagen selbst.

Mit der Transformation vom Automobilhersteller zum Mobilitätsanbieter mit vernetzter Fahrzeugflotte und digitalen Dienstleistungen begibt sich Volkswagen auf neues Terrain – und muss sich, wenn es um Digitalexperten geht, mit Unternehmen wie Apple oder Google messen. „Im Wettbewerb um die klügsten Köpfe kann Volkswagen mit guten Argumenten punkten“, sagt Susanne Scholtyssek, Personalleiterin der Technischen Entwicklung der Marke Volkswagen. „Wir sind international tätig, wir haben in vielen Ländern Standorte, unsere Autos sind technisch spitze, und Volkswagen ist als guter Arbeitgeber international bekannt“, sagt Scholtyssek.

Das Durchschnittsalter in der EE-Entwicklung liegt bei Anfang 40 Jahren und ist damit deutlich niedriger als in vielen anderen Bereichen. Viele Teams sind international und arbeiten interdisziplinär. Flexible Arbeitszeiten, mobiles Arbeiten, moderne Kommunikationstechnik, kurze Entscheidungswege, flache Hierarchien und mehr Eigenverantwortung kommen bei den Besten der Branche gut an. Mit Schulungen, Weiterbildungen, externen Seminaren und Kooperationen mit wissenschaftlichen Forschungsinstituten sorgt das Unternehmen dafür, dass das Know-how aktuell bleibt.

„Kommandozentrale der Integration“

„Auch technologisch können wir uns mit den Internet-Größen messen“, sagt EE-Entwicklungsleiter Zöller. Beim Thema Internetsoftware gebe es vielleicht noch Aufholbedarf, „aber wir nähern uns an“, sagt Zöller. Es sei der Anspruch eines Automobilherstellers wie Volkswagen, dass Anwendungen wie CarNet nicht nur in Großstädten mit LTE-Netz, sondern auch in Regionen mit schlechter oder kaum vorhandener Netzabdeckung und ebenso in einem langen Autobahntunnel zuverlässig funktionierten. Für Dienste wie die Sprachsteuerung im Fahrzeug verlasse sich Volkswagen nicht auf Standardlösungen, sondern arbeite mit lokalen Partnern wie etwa Mobvoi in China zusammen. Und bei Fahrzeugsystemen wie den Bremsen „haben wir erheblich mehr Erfahrung als Google oder Apple“, sagt Zöller.

Beim Rundgang durch die Halle 90b zeigt Zöller, wie das konkret aussieht. An einem Teststand, an dem verschiedene Fahrzeugkomponenten auf ihre Funktionen und ihre Interaktionen geprüft werden, zeigt er ein flaches, festplattenähnliches Gerät. „Dieses kleine Element steuert die Bremsanlage eines Autos — in Millisekunden und immer zuverlässig“, sagt Zöller. „Hier drin steckt unser Know-how, ein Erfahrungsschatz, der uns von anderen unterscheidet.“

Systeme verknüpfen, alle Szenarien überprüfen, Fehlerquellen ausschließen — in der EE-Entwicklung findet das jeden Tag millionenfach statt. Sichtbar wird das in der „Kommandozentrale der Integration“, wie Rolf Zöller einen großen Wandscreen nennt. Er zeigt in Echtzeit, welcher Test aktuell wo läuft, ob in Wolfsburg oder an einem anderen Standort rund um den Globus. „Wir sehen hier das Zusammenspiel der Systeme“, erläutert Zöller am Bildschirm. Jedes der Symbole steht für einen Teststand, auf dem beispielsweise alle Bauteile der Beleuchtungsanlage eines Fahrzeuges miteinander verbunden sind, also die echte Elektronik und die realen LED wie die Elemente eines sezierten Fahrzeugs. Die Elemente absolvieren Langzeittests, um sicher zu klären, ob Soft- und Hardware auch wirklich in jedem erdenklichen Anwendungsfall störungsfrei miteinander funktionieren.

An einigen Testständen läuft die Überprüfung bereits ausschließlich virtuell. Stefan Lück, Diplomingenieur für E-Technik, steht neben einem mannshohen Prüfstand, in den das Navigationssystem eines künftigen Volkswagen eingebaut ist. Das Navi erhält Verkehrsinformationen wie ein reales Fahrzeug, das gerade auf der Straße unterwegs ist und regelmäßig mit Updates versorgt wird. Der Navi-Bildschirm zeigt ein Auto-Icon. Demnach „fährt“ das Auto gerade durch ein Wohnviertel von Paris, trifft auf Baustellen und Verkehrshindernisse und das Navi bietet alternative Routen an. „Früher habe ich diese Testfahrten im Auto selbst absolviert“, sagt Lück. Heute lässt er das Auto seine Strecken virtuell von Wolfsburg aus abfahren. Das spart Zeit, Aufwand und Kosten und liefert dieselben Ergebnisse.

Nach all den Prüfprozeduren verschmelzen Software und Bauteile in der EE-Entwicklung schließlich auch zu einem echten Auto. In einer Werkstatt im Erdgeschoss der Halle 90b steht ein halbes Dutzend Fahrzeuge, die es noch gar nicht auf der Straße gibt. Kommen Besucher, werden sie deshalb abgedeckt — Geheimhaltung. Unter einer schwarzen Plane ist die Silhouette eines SUV zu erkennen, unter einer anderen die einer Limousine. „Hier werden die Prototypen zum Leben erweckt“, sagt Nicklas Hoch, Gesamtprojektleiter Connected Car.

Seine Teams bringen sämtliche Elemente zum ersten Mal in einem echten Auto zusammen. Auch hier arbeiten Teams aus UX-Experten, Designern, Ingenieuren und Software-Entwicklern eng verzahnt zusammen. Sie haben das Ziel, aus der Vielzahl von Elementen ein einheitliches und fehlerfrei funktionierendes Gesamtsystem zu machen. Mehrere Wochen dauert diese Integration samt dazugehörigen Testzyklen.

Fertig ist das Auto dann noch lange nicht. Erst rund weitere zwei Jahre später rollt das erste Serienfahrzeug vom Band.

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