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Was bei Uber und Lyft schief läuft

| Autor / Redakteur: Alyssa Altman* / Benjamin Kirchbeck

Uber und Lyft teilen die langfristige Vision, die Welt der Mobilität grundlegend zu verändern. Doch beide Unternehmen haben ein entscheidendes Problem: ihre kurzfristige Denkweise, wenn es um die Umsetzung dieser Vision geht.

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Sofern Uber und Lyft keinen Weg finden, die angespannte Situation mit ihren Fahrern zu lösen, könnten sie bald in große Schwierigkeiten geraten - und zwar lange bevor sie sich mit autonomen Fahrzeuge retten können.
Sofern Uber und Lyft keinen Weg finden, die angespannte Situation mit ihren Fahrern zu lösen, könnten sie bald in große Schwierigkeiten geraten - und zwar lange bevor sie sich mit autonomen Fahrzeuge retten können.
(Bild: Uber)

Letzten Monat haben Duzende Uber- und Lyft-Fahrer in Kalifornien protestiert, um bessere Arbeitnehmerrechte zu fordern. Vorletzte Woche protestierten Mitglieder der US-amerikanischen Transportarbeiter-Gewerkschaft „Teamsters“ gegen den Status der Fahrer als "Gig Workers". Kürzlich hat nun Kalifornien ein Gesetz verabschiedet, das die Rechte der Fahrer als Angestellte festschreibt.

Uber und Lyft verfolgen ein Rekordwachstum und betreten aggressiv neue Märkte. Dabei setzen sie auf stark reduzierte Preise im Vergleich zu den etablierten lokalen Fahrdiensten. Beide Unternehmen haben es jedoch immer wieder versäumt, die Beziehung zu ihren Fahrern zu priorisieren, obgleich diese zumindest kurzfristig ihr wichtigstes Kapital für Wachstum sind. Ubers neueste Geschäftsidee, den eigenen Fahrern Geld zu leihen, spiegelt deren Bedeutung als Treiber des Unternehmenswachstums wider. Das Angebot trägt aber wenig dazu bei, die Bedenken der Fahrer gegenüber dem Arbeitgeber auszuräumen.

Selbstfahrend in die Sackgasse

Den Fahrern von Uber und Lyft dürfte bewusst sein, dass die Unternehmen sie als vorübergehende Notwendigkeit betrachten. Es ist kein Geheimnis, dass beide Firmen auf autonome Fahrzeuge umsteigen wollen. Den Fahrern wird damit das Gefühl vermittelt, bald überflüssig zu sein. Auch die Tatsache, dass die Unternehmen nicht bereit waren, ihren Arbeitnehmern kampflos Rechte zu gewähren, belastet die Beziehungen. Durch die mangelnde Rücksichtnahme haben Uber und Lyft den Konflikt mit ihren Arbeitnehmern viel früher heraufbeschworen, als es die eigentliche Umstellung auf selbstfahrende Autos getan hätte. Während der Proteste im vergangenen Monat gingen nur einige wenige Fahrer auf die Straße, um sich gewerkschaftlich zu organisieren und den kalifornischen Gesetzentwurf zu unterstützen. Wenn Uber und Lyft ernsthaft damit beginnen sollten, autonome Taxis einzuführen, dürfte die Zahl der Protestierenden explodieren.

Kurzfristige vs. langfristige Ziele

Der Kontrast zwischen der kurzfristigen Erhöhung der Fahrerzahlen und der langfristigen Skalierung durch autonome Fahrzeuge schafft eine Lücke in der strategischen Zielsetzung von Uber und Lyft. Denn beide Unternehmen haben die mittelfristige Entwicklung außer Acht gelassen. Sie haben sich zu sehr auf Skalierung und kurzfristiges Wachstum konzentriert, um Investoren zu beruhigen. Gleichzeitig setzen sie auf die langfristige Strategie, ihr bestehendes Geschäftsmodell durch den Einsatz autonomer Fahrzeuge umzuwälzen. Dass diese Vision bald Realität wird, hängt jedoch von diversen Faktoren ab, die außerhalb der Kontrolle beider Unternehmen liegen.

Fahrerlose Autos werden in den Medien als der nächste unumgängliche Schritt in der Evolution der Automobile propagiert. Doch so unmittelbar bevorstehend, wie die Nachrichten uns glauben machen, ist dieser Schritt nicht. Vielmehr sind autonome Fahrzeuge aufgrund einer Reihe von Herausforderungen noch weit vom großflächigen Einsatz entfernt. Ein elementares Problem ist die Infrastruktur. Für autonomes Fahren müssen die Fahrzeuge untereinander kommunizieren und Positions- und Sicherheitsdaten mit hoher Geschwindigkeit in die Cloud übertragen und herunterladen. Diese Geschwindigkeit der Datenübertragung wird während der Fahrt nur über eine 5G-Verbindung möglich sein. Der Ausbau des 5G-Netzes steckt jedoch in den Kinderschuhen. Bis der schnelle Mobilfunk großflächig verfügbar sein wird, dürfte noch einige Zeit vergehen. Außerdem wird 5G sich vorerst weitgehend auf Großstädte in entwickelten Märkten beschränken. Es ist also wahrscheinlich, dass Uber und Lyft zumindest für die nächsten fünf Jahre auf ihre Fahrer als Wachstumsmotor angewiesen bleiben. Für weniger fortschrittliche Märkte dürfte dies bedeutend länger gelten.

Eine Bedrohung für das Geschäftsmodell

Uber und Lyft sehen nicht den Wert der Arbeit ihrer Fahrer, um sie angemessen zu entlohnen, sondern setzen rücksichtslos auf Marge. Realität ist aber, dass beide Unternehmen von ihren Fahrer abhängig sind. Denn auf genau dieser Beziehung basiert ihr Geschäftsmodell, nicht auf Lohndumping.

Der jüngste Erfolg der rivalisierenden Ride-Hailing-App Bolt in Großbritannien und Osteuropa zeigt, dass auch ein anderer Weg möglich ist. Bolt ist weitgehend in Gebieten wie Osteuropa und Afrika gewachsen, wo Uber und Lyft zu langsam waren. Das Unternehmen nimmt nur 15% Provision von seinen Fahrern. Uber dementgegen verlangt 25%. Gleichzeitig berechnet Bolt seinen Kunden weniger. Vermutlich ist diese Strategie auf lange Sicht nicht nachhaltig, da selbst Uber trotz seiner hohen Provisionen darum zu kämpfen hat, Gewinn zu erzielen. Aber der Fokus von Bolt auf das Wohl seiner Fahrer ist eine starke Strategie, um einen guten Ruf und hohen Bekanntheitsgrad aufzubauen - unter Fahrern wie Kunden. Und da das Unternehmen derzeit keine Ambitionen zeigt, in die „teure“ Welt des autonomen Fahrens einsteigen zu wollen, steht ihm mittelfristig mehr Kapital für Investitionen zur Verfügung.

Wenn also Uber und Lyft keinen Weg finden, die angespannte Situation mit ihren Fahrern zu lösen, könnten sie bald in große Schwierigkeiten geraten - und zwar lange bevor sie sich mit fahrerlosen Fahrzeuge retten können.

* Alyssa Altman ist als Senior Vice President und Industry Lead Transportation & Mobility Nordamerika für Publicis Sapient tätig

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