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Vier Nationen im Vergleich: Mobilität vor und nach der Krise

| Redakteur: Benjamin Kirchbeck

In Anbetracht der starken Veränderungen, die durch die Corona-Pandemie ausgelöst worden sind, sind Forscher der Frage nachgegangen, wie sich länderspezifisch Meinungen und Werte zur Mobilität unterscheiden und zu verändertem Handeln führen.

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Umverteilung der Mobilität: Vor allem in Österreich und in Deutschland gewinnt der Pkw und das Flugzeug verliert am stärksten an Nutzungsanteilen.
Umverteilung der Mobilität: Vor allem in Österreich und in Deutschland gewinnt der Pkw und das Flugzeug verliert am stärksten an Nutzungsanteilen.
(Bild: Clipdealer)

Nachdem der Bahnfernverkehr und der Flugverkehr innerhalb Deutschlands ab März 2020 im Prinzip zum Erliegen gekommen sind und der Fernbus-Verkehr komplett gestoppt wurde, versucht der Personenlinienfernverkehr wieder einen Schritt in Richtung Normalität zu gehen. Die Bahn hat dazu ein Maßnahmenkonzept aufgesetzt, welches einen sicheren Abstand der Reisenden gewährleisten soll. Dies trifft auch für die Betreiber von Fernlinienbussen (Flixbus, BlaBlaBus etc.) zu, die mit ihrem Angebot wieder am Markt sind (Flixbus) oder in den nächsten Wochen starten.

Die Deutsche Bahn hat beispielsweise angekündigt, Züge die zumindest auf einigen Streckenabschnitten mit mehr als 50 % besetzt sind, in der Auslastungsanzeige besonders zu markieren. So bekommen die Kunden die Chance, einen schwächer ausgelasteten Zug zu nutzen. Für den Flugverkehr wird noch diskutiert, wie eine Mindestabstandsregelung zukünftig ausgestaltet werden kann. Auch die Nutzung des Pkw-Verkehrs war zwischenzeitlich deutlich eingeschränkt. Dies belegten auch die Auswertungen von Google oder Apple. Vor diesem Hintergrund erscheint der Begriff der „Stunde Null“ nicht übertrieben.

„Der Schritt in Richtung Normalität wird für die Anbieter von Flug-, Bahn- oder Busreisen eine große Herausforderung sein und längere Zeit dauern. Je höher vor der Krise die Auslastung der Kapazitäten war, desto stärker sind jetzt die Einschränkungen durch die Einhaltung von Mindestabständen der Reisenden“, betont Johannes Hercher, Vorstand der Rogator AG und Co-Autor der Studie OpinionTRAIN.

In der Studie wurde zunächst erfasst, wie die Befragten die Verkehrsmittel Pkw, Bahn, Fernbus und Flugzeug bezüglich ihrer Attraktivität für Reisen ab Entfernungen von 50 km vor Ausbruch der Corona-Krise bewertet haben (Skala von 0 = sehr unattraktiv bis 10 = sehr attraktiv). In allen vier Ländern erreicht der Pkw mit durchschnittlichen Werten zwischen 7 und 8 das im Vergleich höchste Attraktivitätsniveau aller Verkehrsträger. In der Schweiz wird die Bahn (ø 6,1) vergleichsweise gut bewertet, was die besondere Relevanz des öffentlichen Verkehrs in der Schweiz unterstreicht. Korrespondierend dazu ist die Bewertung des Pkw relativ schlechter.

Eine wiederholte Bewertung erfolgte, nachdem die Wirkungen der Corona-Krise auf die zukünftige Verkehrsmittelnutzung diskutiert wurden. Diese zweite Bewertung der Verkehrsmittel bezog sich auf die Zeit nach Aufhebung der Krisenbeschränkungen. Im Ergebnis zeigen sich relativ robuste Strukturen bei der Attraktivitätsbewertung durch die Probanden. Das Ranking der beurteilten Verkehrsmittel bleibt relativ stabil. Bei weitestgehend ähnlichen Werten (nachher vs. vorher) zeigen sich für Bahn, Fernbus und Flugzeug allerdings tendenziell Verschlechterungen.

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Umverteilung der Mobilität in Österreich und in Deutschland

Befragt nach der Nutzung unterschiedlicher Verkehrsmittel nach Aufhebungen der Corona-Krisenbeschränkungen ergibt sich für den Pkw ein positiver Saldo in Deutschland (+9 %-Punkte) und Österreich (+13 %-Punkte), während dieser in der Schweiz schwächer ist (+3 %-Punkte) und in Schweden sogar auf ein nahezu ausgeglichenes Ergebnis kommt. Die Anbieter im Personenlinienfernverkehr (Bahn, Fernbus, Flug) erreichen allesamt Negativ-Salden: Der Anteil der Befragten, die für sich persönlich eine Einschränkung bzw. Reduzierung der Nutzung sehen, ist größer als der Anteil von Befragten, die einen Zuwachs erwarten. Bei Flugreisen ist der Negativeffekt in allen vier untersuchten Ländern am stärksten. In der Schweiz geben 36 % der Befragten an, dass sie zukünftig weniger Flugreisen unternehmen, nur 2 % gehen von mehr Flugreisen aus (Saldo -34 %-Punkte).

Negativ betroffen sind etwa gleich stark Bahn und Fernbus. Im „Bahnfahrerland“ Schweiz sehen 24 % der Befragten weniger und nur 10 % der Studienteilnehmer mehr persönliche Bahnreisen nach Aufhebungen der Krisenbeschränkungen als vorher. Auch für die Deutsche Bahn ergeben sich kritische Ergebnisse. Dies ist umso bedeutsamer, da in den Monaten vor Ausbruch der Krise immer wieder neue Fahrgastrekorde erreicht wurden.

Wie die offenen Nennungen zu den Gründen für eine veränderte Bahnnutzung in Deutschland belegen, sind die Probleme aber nur zum Teil krisenbedingt. Nur 25 % der genannten Nutzungsbarrieren betreffen Aspekte wie „Angst/Ansteckungsgefahr“ und 14 % den Themenbereich „volle Züge/zu viele Menschen“. Als Negativaspekte werden häufig zusätzlich auch Performanceprobleme genannt (18 %).

Wie die Untersuchungsergebnisse weiter ausweisen, gehen die Befragten bedingt durch die Corona-Krise von nachhaltigen Veränderungen in unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft aus. Dies betrifft auch die Mobilität. Besonders stark ist dies in der Schweiz (36 %) und in Schweden (35 %) der Fall. Aber auch in Deutschland erwartet knapp ein Viertel der Bevölkerung stärke Veränderung der Mobilitätsstrukturen. Wie die Auswertung von offenen Statements zu den genannten Gründen erkennen lässt, ergeben sich einerseits Belege für erwartbare Verschiebungen der Nachfrage zwischen den Verkehrsträgern (Zugewinne für den motorisierten Individualverkehr, Einschränkungen für den Flug- und Bahnverkehr, im Nahbereich Zuwachs für die Fahrradnutzung), aber andererseits auch Indikatoren für eine insgesamt reduzierte Mobilität.

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