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Tel Aviv: Zwischen Roboter-Parkdächern und faltbaren Fahrzeugen

| Autor/ Redakteur: Alexandra Föderl-Schmid / Benjamin Kirchbeck

Der Platz zum Parken in Tel Aviv ist mehr als nur begrenzt und der öffentliche Nahverkehr kaum ausgebaut. Die Bewohner entwickeln daher mitunter ungewöhnliche Ideen, um das Problem in den Griff zu bekommen.

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In Tel Aviv leben rund 4,3 Millionen Menschen. Einen gut ausgebauten Nahverkehr sucht man jedoch vergebens.
In Tel Aviv leben rund 4,3 Millionen Menschen. Einen gut ausgebauten Nahverkehr sucht man jedoch vergebens.
(Bild: gemeinfrei / CC0)

Wer am Morgen in der HaHaskala-Straße 9 in Tel Aviv Richtung Süden aus dem Fenster schaut, sieht Autos vorbei schweben. Sapir Levi hat ihren blauen Suzuki Alto in einem Fahrstuhl abgestellt, der an der Südseite des Gebäudes angebracht ist. Sie hält ihren Chip an die Vorrichtung an der Wand. Der Aufzug setzt sich in Bewegung, das Fahrzeug gleitet nach oben auf das Dach. Dort nimmt es ein Roboter in Empfang, dreht das Auto um 180 Grad und parkt es auf einem der 18 Stellplätze ein.

"Wenn ich das Auto brauche, halte ich wieder meinen Chip hin oder bestelle es mit der App. Das Fahrzeug steht binnen zwei Minuten bereit", erklärt Levi. Dann muss man sich allerdings sputen. Nur eine Minute wartet der Aufzug. Wer in dieser Zeit sein Fahrzeug nicht abholt, sieht es wieder nach oben schweben. Es ist dann eine halbe Stunde lang blockiert. Man kann das Fahrzeug aber auch per App zu einem fixen Zeitpunkt vorab bestellen.

Im Januar 2018 hat das auf Import und Distribution spezialisierte Unternehmen Globalbrands Parkplätze für die Mitarbeiter aufs Dach seiner Zentrale im Zentrum von Tel Aviv verlegt. "Diese Vorrichtung ist großartig. In dieser Gegend gibt es zu wenig Parkplätze. Wir haben welche im Untergeschoss und noch weitere Flächen im Freien angemietet, aber es sind zu wenige und sie sind sehr teuer. Fahrzeuge aufs Dach wäre die Lösung des Parkproblems für ganz Tel Aviv", erklärt Yaron Gazit, Manager von Globalbrands.

Einen Parkplatz zu finden, gehört mittlerweile zu den größten Problemen in der Mittelmeer-Metropole. In Tel Aviv gibt es keine U-Bahn, der öffentliche Nahverkehr ist von Bussen abhängig. Stau gehört somit zum Alltag, da zudem etwa 50 000 Fahrzeuge von Pendlern jeden Morgen in die Metropole strömen. Wer es in die Stadt geschafft hat, weiß oft nicht, wohin mit dem Fahrzeug. 40 000 Parkplätze gibt es nach Angaben der Sprecherin der Stadtverwaltung, Margaux Stelman, auf Tel Avivs Straßen. Die blau-weiß markierten Abstellplätze sind gebührenpflichtig und können auch von Anwohnern mit einer kostenpflichtigen Parkerlaubnis genutzt werden. Bei privat bewirtschafteten Parkflächen liegt der Mindesttarif zumeist bei umgerechnet fünf Euro.

Angesichts dieser akuten Parkplatznot hat Globalbrands-Manager Gazit "überhaupt kein Verständnis" dafür, dass die für die Stadtverwaltung tätige Regulierungsbehörde der Firma HighParking bisher noch keine Genehmigung für eine weitere Anlage nach dem Pilotprojekt erteilt hat. "Ich weiß, dass sich auch andere dafür interessieren. Unsere Erfahrungen in diesen zwei Jahren sind hervorragend. Es gibt so viele Flachdächer in Tel Aviv, etwa auf Schulen, die könnte man alle nutzen."

Nach Nachteilen gefragt, meint er lachend: "Man soll nicht zu oft etwas im Auto vergessen." Diese Parkplätze seien vor allem etwas für Kollegen, die die meiste Zeit im Büro verbringen und nicht mehrfach am Tag ihr Fahrzeug benutzen. Aber der Roboter auf dem Dach arbeite rascher als jener im Untergeschoss. "Wer dort parkt, braucht zehn Minuten, um sein Fahrzeug zu bekommen." Für die Parklösung auf dem Dach sollte ein Gebäude allerdings nicht mehr als sechs Stockwerke haben. "Sonst dauert die Fahrzeit zu lange."

m ersten Jahr hat es kleinere Probleme wie ein klemmendes Tor gegeben. "All das war binnen eines Tages gelöst. Inzwischen läuft es ohne größere Schwierigkeiten", bestätigt Sapir Levi, die auch für die Wartung des Aufzugs innerhalb des Unternehmens zuständig ist. "Man hat aus den Problemen gelernt", meint Yaron Gazit, der noch einige Verbesserungsvorschläge hat: Die Konstruktion könnte leichter sein, man könnte dann auch mehrere Parkdecks übereinander bauen. Mit einem Dach könnte man die Autos besser vor Hitze schützen.

Diese Anregungen nimmt Shimon Stierler gerne auf. Er ist Zivilingenieur und hat sich seine Erfindung patentieren lassen. Seit 2008 arbeitet er an seinem Projekt. "Es hat neun Jahre gedauert, alle Genehmigungen zu bekommen. Aber wie man sieht, funktioniert es." Mit sichtlichem Stolz präsentiert er seine Anlage auf dem Dach des Gebäudes. Die Mechanik kommt von der deutschen Firma Demag, der Rest aus Israel. Umgerechnet 350 000 Euro hat die Konstruktion für 18 Fahrzeuge gekostet, also rund 19 000 pro Platz. "Wenn wir 30 machen könnten, würde es für jeden Stellplatz weniger kosten", erklärt Stierler. Das ist günstig angesichts von Preisen für einen Parkplatz, der in zentraler Lage in Tel Aviv bis zu 100 000 Euro kostet. In Cesarea und Herzliya, rund eine Autostunde von Tel Aviv entfernt, hat Stierler bereits weitere Parkplätze auf Dächern geschaffen. Er hofft auf baldiges grünes Licht auch in der Metropole für weitere Projekte. "Wir haben in Tel Aviv Interessenten. Aber noch fehlen uns die Genehmigungen hier."

Citytransformer mit ausfahrbarem Fahrwerk

Die erforderlichen Zertifizierungen von israelischen Behörden haben die Autobauer von Urban Car in Netanya für ihr Elektroauto X7 bereits vor fünf Jahren erhalten. Inzwischen kurven etwa 500 der Ein-Personen-Elektrofahrzeuge auf israelischen Straßen herum. Das Fahrzeug ist ursprünglich in China entwickelt worden, erklärt Urban-Car-Vertreterin Liat Afek.

Für David Meier, der das Gefährt vor zwei Jahren gekauft hat, ist es "das ideale Stadtfahrzeug". Er könne praktisch überall parken, erklärt der Israeli, der sein Fahrzeug häufig auf dem Hafengelände von Jaffa abstellt. "Bis jetzt habe ich noch keinen Strafzettel bekommen."

Noch weniger Parkprobleme sollte man mit dem batteriegetriebenen Citytransformer haben, der zwei Personen hintereinander Platz bietet. In diesem Jahr soll die Produktion des ersten Autos in Israel beginnen, das per Knopfdruck schrumpft und wieder expandieren kann: 10 000 Vorbestellungen liegen für das Gefährt vor, dessen Preis bei 13 000 Dollar liegt - dazu kommen noch Steuern und die Kosten für die Batterie. Das Fahrgestell ist durch eine patentierte Technik faltbar. Mit einer Breite von einem Meter passt es in eine für ein Motorrad vorgesehene Parklücke. Zum Fahren kann das Gefährt auf 1,44 Meter verbreitert werden und hat mehr Stabilität. Aber auch in zusammengepresstem Zustand kann das Auto gefahren werden, es läuft dann maximal 45 Stundenkilometer. In ausgefahrener Form beträgt die Höchstgeschwindigkeit 90 Stundenkilometer.

Auf kleine fahrbare Untersätze setzt auch die Hilfsorganisation United Hatzalah. Die von Freiwilligen getragene Rettungsorganisation war 2018 weltweit die erste, die aus einem zwei Meter langen und 130 Zentimeter breiten Elektrofahrzeug eine voll ausgestattete Ambulanz machte. Es passt quer in eine Parklücke. In dem "Mini-Lance" getauften Fahrzeug haben zwei Personen (ein Arzt und ein Sanitäter) Platz.

Weil aber auch kleine Fahrzeuge in Tel Aviv häufig im Stau stehen, kommen für Notfälle immer häufiger Motor- und Fahrräder zum Einsatz. Sie sind nicht nur mit medizinischem Material ausgestattet, sondern haben auch ein Warnlicht. Ihr Vorteil: Sie kommen in Stoßzeiten rascher im Verkehr voran. Und sie können fast überall ohne große Probleme geparkt werden.

* Der Beitrag erschien im Original auf Sz.de

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