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Software im Kfz: Die Nutzererfahrung entscheidet

| Autor/ Redakteur: Karsten Flott* / Benjamin Kirchbeck

Für deutsche Fahrzeughersteller wird es immer wichtiger, mit guter Software zu punkten. Worauf im Detail ankommt und was Unternehmen tun müssen, um für die Zukunft gewappnet zu sein, klärt dieser Beitrag.

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Apps müssen eine auf die Benutzung im Auto zugeschnittene Nutzererfahrung bieten – vor allem aber müssen sie zuverlässig funktionieren.
Apps müssen eine auf die Benutzung im Auto zugeschnittene Nutzererfahrung bieten – vor allem aber müssen sie zuverlässig funktionieren.
(Bild: Clipdealer)

Worauf achten Autofahrer beim Neuwagenkauf? Auf ein attraktives Design und auf den Preis, das ist klar. Auch Verbrauch und Umweltbelastung spielen selbstverständlich eine Rolle. Wichtigstes Kriterium aber ist die Zuverlässigkeit des Fahrzeugs. Das ergeben regelmäßig Verbraucherumfragen, wie zum Beispiel der DAT-Report 2019, für den die Deutsche Automobil Treuhand GmbH mehr als 4.000 Verbraucher befragt hat.

Zuverlässigkeit, was bedeutet das im digitalen Zeitalter? Natürlich geht es weiterhin um Pannenstatistiken und Laufleistung, aber auch in der Automobilbranche gilt die berühmte Feststellung des Internetpioniers Marc Andreessen: „Software is eating the world“. Immer mehr Funktionen in unseren Autos sind software-basiert und je weiter diese Entwicklung voranschreitet, desto stärker wird die Zuverlässigkeit von Fahrzeugen daran gemessen werden, ob die integrierten und verknüpften Anwendungen ebenso rund laufen wie der Motor.

Digitale Technologien sind für Autofahrer wichtiger denn je – für nicht wenige sind sie sogar schon heute unverzichtbar: Wer es nie anders gelernt hat, für den ist das rückwärts einparken ohne Einparkhilfe undenkbar. Und wer weder über einen guten Orientierungssinn verfügt, noch einen Straßenatlas im Handschuhfach liegen hat, der kommt ohne Navigations-App nicht mehr ans Ziel.

Das Risiko der Austauschbarkeit

Am Ende der Entwicklung, da sind sich alle Experten einig, steht das autonome Fahrzeug. Ehe uns der Bordcomputer durch die Straßen steuert, während wir auf dem Rücksitz "Stranger Things" schauen, arbeiten oder schlafen, wird aber noch einige Zeit vergehen. Schon heute praxisrelevant sind hingegen beispielsweise Fahrzeug-Apps, die der Fahrer auf seinem Smartphone installieren kann.

Das Telefon verbindet sich anschließend mit dem Auto und schaltet zahlreiche zusätzliche Funktionalitäten frei. Dazu zählen etwa Navigationsdienste, Musik-Streams sowie die automatische Suche nach Werkstätten oder Ladestationen für Elektrofahrzeuge. Auch die Bedienung des Fahrzeugs aus der Ferne wird möglich: Vom Sofa aus kann der Fahrzeughalter sein Auto verriegeln, die Standheizung einschalten oder den Kraftstoffvorrat kontrollieren.

Es handelt sich hierbei um sogenannte Mehrwertdienste. Der Markt für sie wird in den kommenden Jahren immens wachsen, besonders in den Bereichen Entertainment und Produktivität. Denn wenn uns Fahrassistenzsysteme immer mehr Aspekte des Fahrens abnehmen, haben wir im Auto immer mehr freie Zeit, die es zu füllen gilt. Allein für Deutschland ist im kommenden Jahrzehnt ein Marktvolumen von mehreren Milliarden Euro zu erwarten, so eine Prognose des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation.

Im Bemühen, sich diese Umsätze zu sichern, trifft die deutsche Autoindustrie auf neue Konkurrenten aus dem Silicon Valley. Zwar haben diese keinen direkten Zugang zu den Systemen im Fahrzeug, im Umgang mit digitalen Technologien sind sie jedoch versierter. Sie setzen seit Jahren die Maßstäbe in Sachen Feature-Umfang, Performance und Bedienkomfort. Was müssen Fahrzeughersteller tun, um sich gegen diese Konkurrenz zu behaupten?

Klar ist: Apps müssen eine auf die Benutzung im Auto zugeschnittene Nutzererfahrung bieten – vor allem aber müssen sie zuverlässig funktionieren. Und das nicht nur, weil die für ihre Ingenieurskunst weltweit geschätzten deutschen Fahrzeughersteller hier einen Ruf zu verlieren haben. Bei kritischen Mehrwertdiensten ist auf Anhieb ersichtlich, weshalb Zuverlässigkeit so wichtig ist: Wenn etwa per App das Fahrzeug verriegelt werden soll, muss das in zehn von zehn Fällen funktionieren.

Aber auch beim In-Car-Entertainment oder anderen vermeintlich sekundären Diensten gibt es wenig Raum für Fehler: Wenn etwa der vom Hersteller des Fahrzeugs angebotene Navigationsdienst nicht zufriedenstellend funktioniert, kann der Fahrer jederzeit eine entsprechende Drittanbieter-App auf seinem Smartphone nutzen, zum Beispiel Google Maps.

Autobauer verwirken jede Chance auf zusätzliche Einnahmen durch Mehrwertdienste, wenn Fahrer die Apps von anderen Anbietern vorziehen. Vor allem aber laufen sie Gefahr, die Hoheit über zentrale Kontaktpunkte im Fahrzeug zu verlieren, nämlich über die Displays. Wenn das passiert, leidet die Markenerfahrung – und Hersteller werden austauschbar. Es ist deshalb entscheidend, die oftmals komplexen Prozesse, die für das Funktionieren einer Anwendung sorgen, schnell unter Kontrolle zu bekommen.

Die erwähnten Fahrzeug-Apps für das Smartphone des Fahrers liefern ein gutes Beispiel: Bereits der Registrierungsprozess, bei dem das Telefon mit dem Auto verknüpft wird, birgt viel Unbekanntes. Er umfasst das Herunterladen der App über einen App-Store, das Ausfüllen eines Registrierungsformulars, den Versand einer SMS-Bestätigung mit einem Aktivierungsschlüssel, die Verbindung des Fahrzeugs mit dem Smartphone und noch einige Schritte mehr. Sie alle erfordern ein reibungsloses Zusammenspiel verschiedenster Systeme. Und sie alle können scheitern – oft auch aus Gründen, die der Anbieter der App selbst nicht beeinflussen kann, etwa aufgrund einer schlechten Internetverbindung.

Um diese Komplexität zu meistern, bedarf es der richtigen Technologie. Die IT-Abteilungen der Hersteller müssen eine Plattform schaffen, an der alle Informationen aus den unterschiedlichsten internen und externen Quellen zentral zusammenlaufen und über die sich sämtliche Reaktionen auf Ausfälle und andere Anomalien koordinieren lassen, man könnte sagen eine Art „zentrales Nervensystem“ für die IT. Auf einer solchen Plattform werden Prozesse wie der beschriebene Registrierungsvorgang technisch abgebildet.

Kommt es an irgendeiner Stelle zu Problemen, lassen sich diese proaktiv erkennen. Der Anbieter der App erfährt so, wie viele Fahrer die Registrierung gestartet haben, wie viele gescheitert sind sowie an welchem Punkt sie gegebenenfalls Schwierigkeiten hatten – aber auch, wo der zugrundeliegende Fehler zu verorten ist. Sowohl die Identifikation von Anomalien als auch die automatisierte Suche nach Fehlerursachen basiert auf künstlicher Intelligenz; selbstlernende Algorithmen legen etwa für die entscheidenden Metriken dynamische Schwellenwerte fest. Werden diese unterschritten oder überschritten, schlägt die Plattform Alarm und informiert die zuständigen IT-Mitarbeiter.

Dank der automatisierten Fehleranalyse müssen sich diese anschließend nicht mehr selbst auf sie Suche machen, sondern können ihre gesamte Aufmerksamkeit darauf richten, das Problem zu beheben. Die Plattform wird in bestimmten Fällen aber auch selbst tätig: In Zusammenarbeit mit Orchestrierungs- und Automatisierungssystemen kann sie vordefinierte Aktionen einleiten – etwa ein neues Support-Ticket eröffnen, eine neue Netzwerk-Richtlinie definieren oder bei Cloud-Anbietern zusätzliche Ressourcen buchen. So verkürzt sich die Mean Time to Resolution (MTTR), also die durchschnittliche Zeit bis zur Behebung eines Problems enorm. Auf dieser technischen Grundlage können die Autobauer auch bei ihren Apps ein Höchstmaß an Zuverlässigkeit gewährleisten.

Vertrauensbildung für eine neue Ära

Weshalb wird es für Fahrzeughersteller immer wichtiger, nicht nur gute Autos zu fertigen, sondern auch gute Software zu bieten? Kurz- und mittelfristig gedacht, geht es für sie darum, neue Umsatzströme zu erschließen und einen wichtigen Kontaktpunkt zum Fahrer nicht an Drittanbieter zu verlieren. Langfristig geht es aber auch um Vertrauensbildung.

Die wenigsten Autokäufer unterscheiden zwischen der Software, der sie heute während des Fahrens eine E-Mail diktieren, und der Software, die eines Tages ihr autonomes Fahrzeug lenken wird. Welchem Hersteller sie ihr Steuer überlassen, wird nicht zuletzt davon abhängen, auf wessen digitale Expertise sie am meisten vertrauen. Anwendungen bieten zu können, die in Sachen Zuverlässigkeit und Bedienkomfort der Konkurrenz in nichts nachstehen, ist für die deutsche Automobilindustrie deshalb von entscheidender Bedeutung. Eine leistungsstarke Application-Intelligence-Lösung hilft, dieses strategische Ziel zu erreichen.

* Karsten Flott leitet die Sales Engineering Organisation von AppDynamics in Zentraleuropa. Mit seiner über 20-jährige IT Erfahrung verantwortet er den technischen Vertrieb in einem der schnellst wachsenden Märkte Europas. Seine technischen Schwerpunkte liegen im Bereich IT-Security und Datenanalyse.

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