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RDE und WLTP statt NEFZ: Mehr Aufwand für mehr Transparenz

| Autor / Redakteur: sp-x / Benjamin Kirchbeck

Die neuen Abgas- und Verbrauchsmessmethoden RDE und WLTP setzt Autohersteller unter großen Druck – speziell der enorme Mehraufwand und die steigende Bürokratie werden bemängelt. Für die Kunden und die Umwelt könnten sich die neuen Verfahren hingegen lohnen.

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Dank RDE wird das Abgasverhalten künftiger Autos unter realistischen Bedingungen gemessen. Der Aufwand für diese Messungen ist allerdings enorm.
Dank RDE wird das Abgasverhalten künftiger Autos unter realistischen Bedingungen gemessen. Der Aufwand für diese Messungen ist allerdings enorm.
(Bild: Daimler)

NEFZ war gestern. Um die Verbrauchs- und Abgaswerte von Autos festzulegen, werden Fahrzeuge künftig zweigleisig nach WLTP und RDE getestet. Unter anderem Mercedes steht deshalb dies

er Tage vor einer Herkulesaufgabe, denn bis zum Stichtag 1. September 2018 müssen alle Fahrzeuge aus dem Portfolio des Stuttgarter Konzerns nach den neuen Vorgaben homologisiert werden.

Andernfalls sind sie für die EU nicht mehr zulassungsfähig. Allein in Untertürkheim wird deshalb Tag und Nacht im Dreischichtsystem gemessen. Eigentlich heißen die für die Abgas- und Verbrauchszertifizierungen verantwortlichen Ingenieure dort die schon lange vor dem Dieselskandal beschlossenen neuen Messverfahren willkommen, doch haben sich die geänderten Vorgaben auch als sperriges Bürokratiemonster entpuppt, das vor allem in Richtung Stichtag viel Arbeit macht.

„Wir haben nichts gegen WLTP. Im Gegenteil“, sagt der EU-Zertifizierungs-Verantwortliche Dr. Christoph Höhmann, um anschließend dennoch von einigen Problemen, Ausnahmeregelungen und dem deutlich gestiegenen Aufwand zu berichten. Hinter WLTP, das seit September 2017 die NEFZ-Messung ersetzt, steckt unter anderem die Idee einer globalen Harmonisierung der Messverfahren. Ein Messverfahren für alle Märkte, so der Ursprungsgedanke, der eigentlich vieles vereinfachen soll.

Entsprechend auch der Name Worldwide Harmonized Light Vehicles Test Procedure. Doch global ist die Messmethode sperrig geworden, da es mittlerweile zahlreiche regionale Ausnahmen gibt. So verzichtet Japan bei der Prüfstandmessungen auf den High-Cycle, weil dort keiner 131 km/h fahren darf.

Auch China will zwar WLTP, jedoch nicht den für Europa geltenden Fahrzyklus WLTC. WLTP ist kein abgeschlossenes Projekt, sondern wird immer wieder verändert und angepasst. Mittlerweile ist der Regulationskatalog 700 Seiten stark. Der Vorlauf bis zur Einführung des Gesetzes zum September 2017 war aus Sicht der Zertifizierungs-Verantwortlichen bei Mercedes jedenfalls extrem kurz.

Darüber hinaus hat sich grundlegend der zeitliche Aufwand für das für Europa definierte Messprozedere im Vergleich zur NEFZ-Methode mal eben verdoppelt. Das gilt nicht nur für die Hersteller, sondern auch für TÜV und KBA. Im Mercedes-Powertrain-Testcenter in Untertürkheim berichtet Abteilungsleiter Harald Behrendt, wie hier im Dreischicht-System Testzyklen gefahren werden. Ein WL-Testzyklus auf dem Prüfstand dauert etwa eine Stunde. Allein Untertürkheim, einer von mehreren Entwicklungsstandorten im Daimler-Konzern, meistert pro Jahr 20.000 dieser Tests.

Trotz eines komplizierteren Verfahrens und insgesamt komplexerer Rahmenbedingungen vertritt man bei Mercedes die Ansicht, dass sich das WLTP-Verfahren für Kunden lohnen wird, unter anderem, weil die neue Messmethode einen realistischeren Vergleichsmaßstab für Verbrauchs- und Emissionswerte bietet. Und das übrigens für jedes spezifische Modell bis hinunter zur individuellen Ausstattung.

Wer Leder, große Räder oder ein Glasdach ordert, muss mit einem höheren Verbrauch als bei der Basisversion rechnen. Deshalb werden auch die Spannen der Verbrauchswerte pro Motorvariante künftig deutlich größere Spreizungen aufweisen. Statt wie bisher um wenige Zehntelliter werden sich die Von-bis-Angaben über mehrere Liter erstrecken.

Die ausstattungsabhängigen Verbrauchsunterschiede werden künftig von den Herstellern ermittelt. Dafür muss zum Glück nicht jede denkbare Ausstattungsvariante auf den Prüfstand, aber sie muss berechenbar sein. Im Online-Fahrzeugkonfigurator sollen diese individuellen Verbrauchsberechnungen angezeigt werden. Spätestens zum 1. September 2018 wird diese Umstellung eingeführt.

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