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Plagiate in der Automobilindustrie – Den Fälschern auf den Fersen

| Autor / Redakteur: Julia Rothecker / Benjamin Kirchbeck

Original oder Plagiat? Audi-Markenschützer Serhyi Jewtymowycz kennt die Tricks der Fälscher und weiß genau, auf was er bei den Autoteilen achten muss.
Original oder Plagiat? Audi-Markenschützer Serhyi Jewtymowycz kennt die Tricks der Fälscher und weiß genau, auf was er bei den Autoteilen achten muss. (Bild: Audi)

Eine Razzia im chinesischen Wenzhou, der Hauptstadt der Fälschungen. Mittendrin Markenschützer Serhyi Jewtymowycz. Zusammen mit den chinesischen Behörden geht er auf die Jagd nach Herstellern von Plagiaten. Im Fokus der Suche: das Audi Logo.

Früher Morgen in Wenzhou, China. Der Regen überschwemmt die Straßen. Die Luftfeuchtigkeit ist ebenso drückend wie die Anspannung aller Beteiligten. Ein rotes Lampion mit chinesischen Schriftzeichen weht im Wind und ist wohl das einzige, was man in dieser Gegend als ästhetisch bezeichnen kann. Im Fokus: eine Lagerhalle. Unauffällig. Blaues Wellblech und ein Garagentor mit Schloss. Trotz wochenlanger Observationen sind es lediglich Vermutungen, was sich hinter dem Tor verbirgt.

Die chinesischen Behörden geben das Zeichen. Mit gezielten Schlägen klopfen sie gegen das Blech. Keine Reaktion. Nach kurzer Zeit brechen sie das Schloss selbst auf und stürmen die Halle. Die Räume sind menschenleer, die Zielpersonen weg. Aber dennoch finden sie, was sie suchen. Körbeweise Metallteile stapeln sich auf dem ölverschmierten Boden. Unzählige Kartons, bereit für den Versand. Berge von Plastikteilen und Verpackungsmaterialien versperren den Durchgang. Zwischen all dem Chaos stehen Werkbänke und Maschinen. Sie sind noch warm und unter einem Schleifgerät befinden sich noch nicht fertige Metallteile. Jemand hatte es eilig zu verschwinden.

Audi Markenschützer Jewtymowycz durchstreift mit zusammengekniffenen Augen die Lagerhalle. Er überfliegt die Traglenker, Bremsbeläge und Kühlergrille in den Körben nur flüchtig und scheint etwas anderes zu suchen. Seine Rolle ist klar: Er sucht die vier Ringe. Die vier Ringe, die eigentlich nicht hier sein dürften. Zielstrebig steuert er auf eine Kiste zu, zieht einen Luftfilter heraus und riecht daran. Ein beißender, chemischer Geruch. Ob die verwendeten Materialen in Deutschland zulässig wären, ist fraglich. Ohne die Nase zu rümpfen, erkennt er: „Plagiat!“. Und auch das wichtigste Indiz, das Markenlogo, ist hier zu finden.

Es ist ein Bauteil, dass zum Audi Q5 passt, der vor sechs Monaten auf den Markt gekommen ist. Die Fälscher sind schnell und imitieren nahezu jedes Bauteil. Ihr Antrieb ist die große weltweite Nachfrage in diesem Milliardengeschäft. Sie beobachten den Markt und kaufen Teile, um sie dann selbst nachzubauen. Doch was die Fälscher können, kann der Audi Markenschutz schon lange. Durch Internetmonitoring ist der Plagiatejäger auf die Produktionsstätte aufmerksam geworden. Die Anonymität im Netz, die sonst von den Fälschern genutzt wird, erlaubt auch ihm anonyme Testkäufe. Nach genauer Identifizierung und Dokumentation der Teile stellt Serhyi diese Beweise den chinesischen Behörden zur Verfügung, die die Razzia in die Wege leiten.

Die Gefahr der Plagiate

Während die Behörden und der Audi Markenschützer in der chinesischen Lagerhalle nach wenigen Augenblicken wissen, dass sie es mit Plagiaten zu tun haben, sind Fälschungen für den Laien oftmals nicht auf den ersten Blick erkennbar. Dabei ist die Qualität der imitierten Produkte ebenso facettenreich, wie die Vielfalt der Teile, die die Fälscher anbieten. „Plagiate sind wie eine Wundertüte. Man weiß nie was man bekommt und die meisten können eine gute Qualität nicht von einer schlechten unterscheiden“, sagt Serhyi. Dabei können gefälschte Teile verheerende Folgen haben. Einschlägige Untersuchungen zeigen, dass gefälschte Bremsbeläge, die auf den ersten Blick aussehen wie Originale, bei einer Vollbremsung Feuer fangen können.

Auf dem Boden der Produktionsstätte: Metallspäne, Schrauben und Glassplitter. Ein Geruch, der einem die Tränen in die Augen treibt. Es gibt meistens keine Sicherheitsvorkehrungen und keine Qualitätssicherung. „Die Menschen, die hier arbeiten, um Plagiate herzustellen, bezahlen den vermeintlich günstigen Preis der Plagiate für den Endkunden mit ihrer Gesundheit“, so Jewtymowycz. Die miserablen Zustände der Produktionsstätte spiegeln die Qualität der Plagiate wieder: Teile, die zuvor einen Preisunterschied von wenigen Euro zum Originalteil haben, können Folgen von mehreren tausend Euro verursachen. Beispielsweise bei einer gefälschten Ölpumpe, wenn das Öl nicht mehr ausreichend in den Motor gepumpt wird und dieser dann Schaden nimmt.

Die chinesischen Behörden sichern die Beweise. Mehrere Lastwagen sind nötig, um die Massen von Plagiaten aus der Lagerhalle in Beschlag zu nehmen. Jewtymowycz identifiziert und dokumentiert alle Fälschungen, die abtransportiert werden. Die Fotos und Videos der Produktionsstätten bilden die Grundlage für eine spätere strafrechtliche Verfolgung. Besonders interessant für den Plagiatejäger sind bei der Dokumentation die Pakete. Bereit zum Versand sind sie bereits mit Empfängeradressen versehen. Privatpersonen, aber auch Händler, deren mafiöse Struktur sich durch die ganze Welt zieht. Wichtige Puzzleteile für die weitere Verfolgung von Plagiaten und ihren Verkäufern.

Jewtymowycz hat alles, was er braucht. Er zieht einen Notizblock aus seiner Hosentasche, auf dessen letzter Seite er eine Strichliste führt. Ein neuer Strich kommt dazu. Razzia Nummer 942.

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