Ein Angebot von /

Müssen wir uns wieder an Arbeitslosigkeit gewöhnen?

| Autor / Redakteur: Patrick Bernau / Benjamin Kirchbeck

2018 wuchs die Wirtschafts von Juli bis Dezember gar nicht und auch 2019 sieht es bisher nicht nach einem deutlichen Wachstum aus.
2018 wuchs die Wirtschafts von Juli bis Dezember gar nicht und auch 2019 sieht es bisher nicht nach einem deutlichen Wachstum aus. (Bild: Clipdealer)

Das sind wir nicht mehr gewohnt in Deutschland: Plötzlich kündigen Konzerne Massenentlassungen an. Dabei war der Arbeitsmarkt ein gelöstes Problem – oder doch nicht?

Solche Nachrichten hat man lange nicht mehr gehört in Deutschland. 7000 Stellen sollen bei Volkswagen bis 2023 wegfallen, hieß es im März, wenn auch praktisch ohne Kündigungen. Bei Ford fallen 5000 Stellen weg, bei Bayer 4500. Ende Juni ging es dann Schlag auf Schlag. Der Pharmakonzern Sanofi streicht 144 Stellen in Frankfurt-Höchst. Am vergangenen Montag kündigte Paypal 300 Stellenstreichungen in Berlin an, am Donnerstag der Chemiekonzern BASF 3000 an seinen deutschen Standorten und Opel 600 in Rüsselsheim. Am Freitag berichtete dann das "Wall Street Journal" von neuen Stellenabbauplänen bei der Deutschen Bank.

Nach den Agenda-2010-Reformen des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD) sank die Arbeitslosenzahl fast kontinuierlich. Heute haben in Deutschland so viele Menschen Arbeit wie noch nie. Daran hat nicht mal der Mindestlohn etwas geändert. Selbst alte Leute sind vor der Rente immer länger im Beruf. Vom Maschinenbauer auf der Schwäbischen Alb bis zum Bäcker in Berlin suchen Unternehmen verzweifelt nach Mitarbeitern - und finden sie oft nur noch außerhalb Deutschlands. Mehr als die Hälfte aller neuen sozialversicherungspflichtigen Stellen geht inzwischen an Ausländer, nach wie vor hauptsächlich aus Osteuropa, inzwischen aber auch häufig an Flüchtlinge. Die Deutschen nutzen derweil ihre neue Verhandlungsmacht und arbeiten immer weniger, weil sie sich zusätzliche Urlaubstage zusichern lassen.

Niemand hat zuletzt ernsthaft daran gezweifelt, dass die Lage noch jahrelang so komfortabel bleiben kann. Immerhin verschärft sich der demographische Wandel in den kommenden Jahren immer weiter: Inzwischen gehen mehr Leute in Rente als neu auf den Arbeitsmarkt kommen. Und ungefähr von 2025 an rollt die Rentenwelle richtig, dann gehen nämlich die Babyboomer in den Ruhestand. Das machte zusätzlich Hoffnung: Wenn die Autoindustrie in ihrem Wandel von Verbrennungs- zu Elektroantrieben Arbeitsplätze streichen muss, könnte das vielleicht schon dadurch funktionieren, dass viele Leute in Rente gehen und etwas weniger neu eingestellt werden.

Jetzt gibt es auch Entlassungen

Doch das genügt den Unternehmen jetzt offensichtlich nicht mehr. Abfindungsprogramme werden ausgepackt, ältere Mitarbeiter in den Vorruhestand geschickt. Wenn BASF in Deutschland seine 3000 Stellen streicht, sind selbst Entlassungen nicht ausgeschlossen. Im Mai ist die Arbeitslosenzahl saisonbereinigt um 60.000 gestiegen, im Juni ungefähr stagniert, sie verharrt bei rund 2,28 Millionen Menschen. "Die schwächere konjunkturelle Entwicklung hinterlässt leichte Spuren auf dem Arbeitsmarkt", sagt der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Detlef Scheele - und in diesen Zahlen sind die neu angekündigten Stellenabbauprogramme noch gar nicht enthalten.

Keine Frage: Fast jedes Unternehmen hat seine eigene Geschichte, wo die Probleme herkommen, die zum Stellenabbau führen. Vor allem die Autoindustrie hat ganz eigene Schwierigkeiten. Das beginnt mit der Umstellung auf Elektroautos. Die führt zwar noch nicht dazu, dass die Autos mit weniger Aufwand gebaut werden, schließlich werden bisher kaum Elektroautos verkauft. Im Moment brauchen die Konzerne erst mal zusätzliche Ingenieure, um die vielen neuen Modelle für die Zukunft zu entwickeln. Doch in den Entwicklungsabteilungen macht sich schon bemerkbar, dass Ingenieure für die alten Antriebe weniger gefragt sind. Zudem hat die Diskussion um Fahrverbote dazu geführt, dass der Diesel an Beliebtheit verliert.

All das wäre das Sonderproblem einer einzelnen, wenn auch wichtigen Branche. Doch andere Branchen haben ebenfalls ihre Sorgen, und es ist ein Zeichen des Abschwungs, dass viele Unternehmen diese Probleme jetzt nicht länger aussitzen, sondern Mitarbeiter aus dem Unternehmen schicken wollen oder müssen. Der schwäbische Autozulieferer Mahle beispielsweise liefert Klimaanlagen und elektrische Antriebe, aber auch Kraftstofffilter und Kolbensysteme für die Motoren. Im Mai schon hat Mahle den Abbau von 380 Stellen angekündigt, vergangenen Dienstag kam zudem das Aus für einen kompletten Standort mit 240 Mitarbeitern in Öhringen bei Heilbronn, wo Luftmanagementsysteme für Verbrennungsmotoren hergestellt wurden - nicht zuletzt für Diesel. Davon werden jetzt viel weniger gebraucht. Zudem produziere das Werk recht teuer, heißt es vom Unternehmen. Anderes komme hinzu, zum Beispiel sei Stahl zuletzt teurer geworden, und die Chinesen kauften weniger Autos.

Die großen Konjunkturrisiken: Handelskrieg und Brexit

Da sind sie, die Konjunkturrisiken, angefangen mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump und seinem Handelskrieg, über die in den vergangenen Monaten schon jeder diskutiert hat. Beim Stahl betrifft der Konflikt europäische Unternehmen direkt. Erst hat Trump neue Zölle auf Stahl eingeführt, und weil dann mehr Stahl aus dem Ausland nach Europa strömte, hat die Europäische Union auf diesen zusätzlichen Stahl ebenfalls neue Zölle erlassen. Wichtiger noch ist aber der Handelskrieg mit China, der die chinesische Wirtschaft unter Druck bringt. Dort ist das Wachstum zuletzt zurückgegangen. Kein Wunder also, dass viele Autokonzerne sich derzeit schwer damit tun, dort ihre Autos zu verkaufen.

Hinzu kommt die Konjunkturschwäche in Deutschland. Im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaftsleistung von Juli bis Dezember gar nicht, seitdem steht auch kein überdurchschnittliches Wachstum zu Buche. Die Autoindustrie traf das zuerst. Daimler hat vergangene Woche zum dritten Mal in einem einzigen Jahr zugeben müssen, dass es seine Gewinnziele nicht erreicht - beim zweiten und dritten Mal ging es dabei um die zuvor schon gesenkten Ziele.

Die Aussichten für die kommenden Monate sind nicht gut. Zwar hat Donald Trump am Samstag beim Treffen der 20 wichtigsten Wirtschaftsnationen der Welt mit dem chinesischen Präsidenten Xi neue Verhandlungen vereinbart und einige eigentlich geplante Zölle zurückgehalten. Doch der Grundkonflikt zwischen China und den Vereinigten Staaten ist damit nicht gelöst. Es geht um Amerikas Handelsdefizit, Chinas Wirtschaftssystem und Amerikas Angst davor, dass China den Vereinigten Staaten den Rang als Weltmacht Nummer eins abläuft. Dieser Streit ist längst noch nicht beigelegt. Zusätzliche Kalamitäten drohen nach dem Sommer, nämlich in Sachen Brexit. Der aussichtsreichste Kandidat für das Amt des britischen Premierministers, Boris Johnson, stellt seinem Land einen Brexit im Herbst in Aussicht - und zwar mit hoher Wahrscheinlichkeit einen ungeordneten. Der könnte Unternehmen noch mal zusätzlich Schwierigkeiten machen. Dabei gehen die Firmen sowieso schon davon aus, dass sie in den nächsten Monaten mehr Arbeitsplätze ab- als aufbauen werden. So zeigt es die monatliche Konjunkturbefragung des Ifo-Instituts seit März. Die Tendenz geht nach unten.

Ökonomen rechnen mit mehr Arbeitslosigkeit

Bedeutet das nun, dass Deutschland wieder mehr Arbeitslosigkeit bekommen wird? Deutschlands Ökonomen haben in dieser Frage von ihrem Optimismus bisher nur wenig verloren. Entlassungen in einzelnen Unternehmen müssten nicht dazu führen, dass die Massenarbeitslosigkeit zurückkehrt, sagen sie. Der Präsident des Ifo-Instituts, Clemens Fuest, empfiehlt zwar jetzt Maßnahmen, die Unternehmen stärken, wie eine Unternehmenssteuerreform und niedrigere Energiepreise. Er erinnert aber auch daran, dass der Maschinenbau immer noch Fachkräfte sucht. Die Schwierigkeiten dieser Branche kämen gerade daher, dass sie so wenige Leute finde. Deshalb könnten Beschäftigte, die in der Autobranche nicht gebraucht werden, im Maschinenbau relativ leicht neue Aufgaben und Arbeitsplätze finden.

Am Institut der Bundesagentur für Arbeit hat der Ökonom Enzo Weber für diesen Branchenwechsel Tipps: Auch Ältere könnten auf diese Weise einen Stellenabbau gut überstehen. Nur falls sie richtig arbeitslos würden, sei es immer noch schwierig. Vom Stellenabbau der Unternehmen hält Weber deshalb nicht viel. "Dass sich einige Großkonzerne jetzt das Recht herausnehmen, Leute aus dem Arbeitsmarkt zu entlassen, das ist leichtsinnig." Weber empfiehlt: Ältere sollten sich früh Gedanken um einen neuen Arbeitsplatz machen, sich früh arbeitslos melden und sich früh vermitteln lassen. Auch eine mögliche Weiterbildung sei wichtig.

Generell vertritt Weber die Auffassung, dass der Arbeitsmarkt nicht mehr so sehr von der Konjunktur abhängt wie früher. Die in der vergangenen Woche angekündigten Massenentlassungen seien zwar auffällig, insgesamt aber sei die Zahl der Entlassungen immer noch bemerkenswert niedrig, viel niedriger als sonst im Abschwung. In den vergangenen Jahren hätten immerhin viele Menschen Arbeit in Berufen gefunden, die mit der Konjunktur wenig zu tun haben, zum Beispiel in der Kindererziehung und in der Pflege- die werden auch dann noch bezahlt, wenn der Diesel ganz abgeschafft ist und sich die Chinesen weniger deutsche Produkte leisten können. Darum sagt Weber voraus, dass die Arbeitslosigkeit in den kommenden Monaten zwar etwas steigt, aber sich der Anstieg doch im Rahmen hält. "Die generelle Knappheit spielt auch eine Rolle", sagt Weber. "Viele Unternehmen überlegen sich doch zweimal, ob sie in einer Konjunkturdelle Leute entlassen, wenn sie später nur schwer wieder neue Mitarbeiter finden."

Wenn Deutschland Glück hat, dann bleibt es also dabei: Nur die Arbeitsplätze, die über kurz oder lang sowieso aus strukturellen oder technischen Gründen wegfallen würden, sind in diesem Abschwung akut gefährdet. Aber wer in fünf Jahren noch gebraucht wird, der sollte ohne größere Probleme durch das Konjunkturtal kommen.

Ford streicht 12.000 Jobs und sechs Standorte in Europa

Ford streicht 12.000 Jobs und sechs Standorte in Europa

27.06.19 - Ford will in Europa 12.000 Arbeitsplätze streichen, über 5.400 davon alleine in Deutschland. Die Zahl der Standorte soll bis Ende 2020 um sechs auf 18 reduziert werden, wie der US-Konzern am Donnerstag mitteilte. lesen

* Original von F.A.S am 1.7.19. Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.

Kommentar zu diesem Artikel abgeben
Na fein, dann können ja jetzt diejenigen, die sich immer am lautesten über den sogenannten...  lesen
posted am 02.07.2019 um 12:19 von Unregistriert

Es hat doch niemand Geld um was zu bezahlen. Gehälter sind kaum gestiegen. Was Regierungen an die...  lesen
posted am 02.07.2019 um 12:09 von Unregistriert


Mitdiskutieren
copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 46001704 / Markt, Politik, Gesellschaft)