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Mobilitätskonzepte von morgen: In China von A nach B

| Redakteur: Benjamin Kirchbeck

Mobilität hat im Reich der Mitte andere Vorzeichen. Den Stand der Dinge skizziert der Cluster Automotive und vergleicht ihn mit Mobilitätskonzepten aus Deutschland.

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Während einer Wirtschaftsdelegationsreise Ende 2019 hat der Cluster Automotive diverse Unternehmen wie BMW China Services Co. Ltd. besucht, um einen genauen Eindruck zu bekommen, wie man vor Ort dem Thema Smart Mobility begegnet.
Während einer Wirtschaftsdelegationsreise Ende 2019 hat der Cluster Automotive diverse Unternehmen wie BMW China Services Co. Ltd. besucht, um einen genauen Eindruck zu bekommen, wie man vor Ort dem Thema Smart Mobility begegnet.
(Bild: BI )

China ist heute der größte Automarkt der Welt, verfügt über das weltweit größte Hochgeschwindigkeitsbahnsystem, ist der zweitgrößte zivile Luftverkehrsmarkt der Welt und beherbergt sieben der zehn größten Containerhäfen der Welt. Eine großartige Leistung, wenn man bedenkt, dass das Land 1985 weniger als 20.000 zugelassene Privatwagen hatte und bis 2008 keine einzige HSR-Linie. Einfach ausgedrückt heißt es „China hat Gas gegeben.“, so Sandra Retzer, Director Development Policy Forum bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GIZ.

Auch im Bereich Elektromobilität ist China führend. Allein 2018 wurden laut Statista 1.255.000 Elektroautos abgesetzt. Nach einer Studie von Bloomberg sind bereits ca. 380.000 E-Busse in China unterwegs. Im Rest der Welt sind es zusammengenommen nur rund 5.000 E-Busse. Und die Mobilitätskonzepte stehen dem in Nichts nach, denn gerade in den Metropolen rückt „shared mobility“ immer stärker in den Vordergrund.

Urbanisierung als Treiber

Betrachtet man die imaginäre Heihe-Tengchong-Linie, die die Fläche Chinas in zwei etwa gleich große Teile aufteilt, so erkennt man, dass östlich der Linie über 90 % der Bevölkerung lebt – ein geodemografischer Ballungsteil, der die Stadtentwicklung der chinesischen Metropole maßgeblich prägen wird. Schon 2013 äußerte der Premierminister Li Keqiang, dass die Urbanisierung der Faktor für Chinas Modernisierung ist. Allein zwischen 2004 and 2014 sind etwa 206 Millionen Menschen Stadtbürger geworden und die UN schätzt, dass bis 2030 weitere 190 Millionen dazu kommen. Was als Konsequenz hat, dass die wirtschaftliche Entwicklung und der Energiebedarf einen radikalen Wandel im Verkehrs- und Transportwesen mit sich bringen wird.

Verglichen mit der Städteentwicklung in Deutschland und hiesigen Mobilitätskonzepten gibt es enorme Unterschiede zu China, die entsprechende Anpassungen oder gar einen Wandel nach sich ziehen könnten. Pia Blessing, Mobility Expert and Consultant bei Cityinmotion, äußerte sich dazu auf der letzten „querdenken“-Veranstaltung des Cluster Automotive im Herbst 2019 wie folgt: „Mobilität in der Zukunft bedeutet für mich, dass ich für jeden Fahrtzweck mindestens ein Verkehrsmittel zur Verfügung habe, das ich nutze, ohne es zu besitzen, und das mit anderen Modi nahtlos verknüpft ist. Der Gedanke, mit dem Auto zu fahren, wird ersetzt vom Blick auf ein Device, dass uns das beste, schnellste, und preiswerteste Verkehrsmittel empfiehlt, um von A nach zu B kommen. Das Ergebnis einer solchen Mobilität sind Städte, deren öffentlicher Raum viel mehr Potenzial für alle birgt!“ In Sachen Ausbau der Infrastruktur, im Gesundheitswesen, bei der energetischen Sanierung von Wohngebäuden und im Bereich Stadtplanung sind Analogien denkbar.

Neue Servicelandschaft im Entstehen

Mobilitätsdienstleister wie Didi Chuxing Technology Co.(DiDi), die weltweit größte mobile Transportplattform, übernimmt mit 400 Millionen registrierten Kunden in mehr als 400 chinesischen Städten 25 Millionen Fahrten pro Tag – ungefähr doppelt so viele wie Uber und alle anderen globalen Sharing-Apps zusammen. Mit den chinesischen Verkehrsmanagementbehörden bietet man eine unter dem nickname „DiDi Smart Transportation Brain“ integrierte Lösung für das Verkehrsmanagement in intelligenten Städten an, die bereits in mehr als 20 chinesischen Städten übernommen wurde.

Dabei nutzt man die anonymisierten Verkehrsdaten von DiDi sowie Datenressourcen von lokalen Behörden und Geschäftspartnern und ermöglicht so Echtzeitdaten, die Cloud Computing und AI-basierte Technologien nutzen. Die beteiligten Städte verbessern die Verkehrsinfrastruktur, einschließlich Verkehrsflussmessungen. „Intelligente Verkehrssignale“, umkehrbare Fahrspuren und Verkehrsmanagementprogramme für die Wartungsplanung und Systembewertung sind die Folge.

Aktuell hat VW mit dem Top-Fahrdienstvermittler ein Joint Venture gegründet, um Technologien für lokale Carsharing Dienste von 100.000 Fahrzeugen zu entwickeln. Zum einem, um bei der Entwicklung von autonom fahrenden Autos von dem Datenschatz der Chinesen zu profitieren, aber auch, um über Didi den Zugang zu den Kundendaten zu haben, der täglich seinen Mitfahrern in diesen Dimensionen Tür und Tor öffnet.

Ergänzendes zum Thema
*Status Quo

Dieser Fachbeitrag wurde bereits Anfang des Jahres erstellt. Aufgrund der kurzfristigen und unabwägbaren Entwicklungen der Märkte durch die Corona-Epidemie sind einige im Beitrag skizzierten Aspekte neu zu bewerten bzw. in anderem Kontext zu sehen. Dennoch dienen sie der Einschätzung der Situation vor Corona. Im Fokus bleibt die Tatsache, dass der Cluster Automotive mit seinem Netzwerk Einschätzungen zur Branche gezielt bewerten und abschätzen kann – sowohl zu wirtschaftlichen als auch zu technologischen Tendenzen am Markt. Die Experten des Clusters sind auch aktuell gerne für Sie erreichbar (Telefonnummer 0911 – 20671 212 oder per Mail: cluster-automotive@bayern-innovativ.de).

Smart Mobility Services als Brainpool

Während einer Wirtschaftsdelegationsreise Ende 2019 hat der Cluster Automotive diverse Unternehmen wie BMW China Services Co. Ltd. besucht, um einen genauen Eindruck zu bekommen, wie man dort vor Ort dem Thema Smart Mobility begegnet. Beim Fraunhofer-Project-Center for Urban Eco-Development an der Shanghai JiaoTong University, einem Gemeinschaftsprojekt von Fraunhofer IBP und der School of Design der Uni, erforscht man neue, intelligente und nachhaltige Lösungen für wachsende Metropolen. Dabei geht es auch um nachhaltiges und digitalisiertes Bauen und das Betreiben von Immobilien, die resiliente Stadtplanung sowie Smart City Technologien. Mit diesen Blickwinkeln aus China gewann u.a. die Cluster-Veranstaltung CoSMoS 2020 (Conference on Smart Mobility Services) am 10. März 2020 an der TH Ingolstadt ganz neue Perspektiven, da sie den Teilnehmern Analogien und Vergleiche eröffnete. In seiner Rolle als Multiplikator fördert der Cluster den intensiven Austausch zwischen Unternehmen, Hochschulen und Gremien sowie der Politik. Einen Rückblick zur CosMoS 2020 erhalten Sie hier.

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