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Praxistest Mit dem Nissan e-NV200 elektrisch durch Barcelona

| Autor: Thomas Kuther

Nissan hat ein neues Elektroauto vorgestellt – und zwar eines, das „das Beste aus zwei Welten“ vereint, wie der japanische Autobauer vollmundig verkündet. In Barcelona hatten wir einen ganzen Tag Zeit, den neuen Elektrotransporter e-NV200 genauer unter die Lupe zu nehmen.

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Der Nissan 3-NV200: der Kleintransporter ist kompakt, agil und praxistauglich
Der Nissan 3-NV200: der Kleintransporter ist kompakt, agil und praxistauglich
(Bild: Nissan)

Im e-NV200 kombiniert Nissan den 80-kW-Elektroantrieb des Leaf mit dem sehr variabel nutzbaren Laderaum des NV200. Trotz der Übernahme einiger Schlüsselkomponenten des Leaf und des NV200 sind allerdings rund 30% aller Teile neu. Trotz nominell identischer Leistung – 80 kW und 254 Nm – ergeben sich als Folge der höchst unterschiedlichen Einsatzgebiete Unterschiede zwischen den Elektroantrieben des Leaf und e-NV200.

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Spaß beim Blitzstart an der Ampel

Weil der elektrisch angetriebene Kleintransporter primär in Innenstädten und deren Umfeld unterwegs sein wird, hat Nissan zugunsten eines zügigen Ampelstarts die Antriebsübersetzung geändert. Folge: Der Elektro-Van eilt auch dank des sofort freigesetzten vollen Drehmoments noch schneller von 0 auf 100 km/h als sein NV200-Pendant mit 1.5-dCi-Dieselmotor. Da das Drehmoment der Synchronmaschine schon aus dem Stand zur Verfügung steht, macht jeder Ampelstart richtig Spaß: denn so mancher Motorradfahrer kam während unseres Tests ins Grübeln, wenn er von einem Kleintransporter auf den ersten Metern so richtig „versägt“ wurde.

Software bringt mehr Reichweite

Eine geänderte Software für die Energy Saving Control (ESC) streckt zugleich die Reichweite. Indem ESC bei niedrigem Batterieladestand die Höchstgeschwindigkeit automatisch auf 100 km/h limitiert, erhöht sich der Spielraum für Autobahnfahrten um 4 km.

Automatik mit vier Betriebsmodi

Das einstufige Automatikgetriebe ist kinderleicht zu fahren und bietet vier verschiedene Betriebsmodi und damit alle Möglichkeiten für eine energieeffiziente Fahrweise. Da ein Nissan e-NV200 während einer Schicht von wechselnden Fahrern gefahren werden wird, entschloss sich Nissan zu einem konventionellen Wählhebel anstelle des futuristischen Kontrollschalters des Leaf. Vorteil: Fahrer, die regelmäßig auch konventionell angetriebene Vans bewegen, haben keine Umstellungsprobleme. Der „shift-by-wire”-Schaltknüppel überzeugt durch kurze und klar definierte Wege.

Einstellbare Rekuperationsrate im B-Modus

„Auf der Straße” funktioniert die Automatik jedoch genauso wie im Nissan Leaf. Im D-Modus steht das volle und spontane Temperament eines Elektroautos bereit, im ECO-Programm abgewandelt in eine sanfter und linearer ansteigende Beschleunigungskurve. In dem für beide Programme abrufbaren B-Modus wird zusätzlich die Rekuperationsrate gesteigert.

Kürzere Übersetzung bringt Vorteile beim Strint

Die geänderte Übersetzung beschert dem e-NV200 zwar eine im Vergleich zum Leaf von 145 auf 120 km/h gesunkene Höchstgeschwindigkeit. Dafür benötigt er für den Sprint von 0 auf 100 km/h nur 14 s, was im Vergleich zu den 14,5 s des NV200 mit 1.5 dCi-Motor höchst respektabel ist. Selbst voll beladen erklimmt er dank 254 Nm Drehmoment Steigungen von bis zu 30%.

Optimales Be- und Entladen

Zum Verkaufsstart im Juli bietet Nissan den e-LV200 als ladefreudigen und kompakten Van sowie als fünfsitzige Pkw-Variante (Kombi und Evalia) an. Die Nutzfahrzeug-Version bietet ein Ladevolumen von 4,2 m3 und kann zwei Euro-Paletten aufnehmen. Dank beidseitigen Schiebe- und weit aufschwingenden Hecktüren gestaltet sich das Be- und Entladen denkbar bequem. Optional im Angebot für die Pkw-Varianten ist eine einteilige, nach oben öffnende Heckklappe.

120 km pro Tag reichen meist

Auf einen arbeitsreichen Einsatz in europäischen Millionen- und Großstädten ist der Nissan e-NV200 bestens vorbereitet. Das Laderaumvolumen ist identisch mit dem des NV200; die Nutzlast liegt mit bis zu 770 kg sogar noch höher als beim Verbrenner-Pendant. Die Reichweite einer Batterieladung beträgt nach dem neuen europäischen Messzyklus NEFZ (Neuer Europäischer Fahr-Zyklus) 170 km. Das liegt deutlich über den durchschnittlich 100 km, die 70% aller im Flottensektor eingesetzten Kompakt-Vans täglich abspulen. In Europa legen darüber hinaus 35% aller Transporter dieser Klasse über Ihren ganzen Lebenszyklus nie mehr als 120 km pro Tag zurück.

Mit 50 kW in 30 Minuten auf 80%

An einer Einphasen-Haushaltssteckdose (10 A/2,3 kW) lässt sich die Batterie über Nacht in ungefähr 10 h neu aufladen – eine ideale Lösung für Fahrzeuge, die nicht ununterbrochen 24 Stunden lang im Einsatz sind. Um über die Hälfte schneller geht es mit dem optionalen 6,6-kW-Onboard-Ladegerät und 32-A-Anschluss. Am allerschnellsten gelingt der Aufladevorgang mit 50-kW-Hochspannungs-Gleichstrom aus einer CHAdeMO Schnellladesäule. Damit lässt sich die Batterie in nur 30 Minuten auf 80% ihrer Kapazität aufladen. Während das Fahrzeug „am Kabel“ hängt, kann es parallel schon wieder mit Waren für die nächste Auslieferungsfahrt befüllt werden.

Herzstücke im Antriebsstrang des Nissan e-NV200 sind der 80 kW starke Wechselstrom-Synchronmotor und eine Lithium-Ionen-Batterie. Beide Komponenten übernimmt der Elektro-Van vom Nissan Leaf.

Der Leaf: das weltweit meistverkaufte Elektroauto

Mit weltweit über 110.000 verkauften Einheiten ist der Nissan Leaf das meistverkaufte Elektroauto der Welt. Nach der Einführung der zweiten – in Europa produzierten – Generation des Leaf im Jahr 2013 übernimmt nun auch der e-NV200 deren weiterentwickelte Technik. War beim Original-Leaf der Wechselrichter noch im Kofferraumbereich montiert, wanderte er beim neuen Modell unter die Motorhaube. Dort bildet er nun auch im e-NV200 mit dem Elektromotor ein kompaktes Paket.

48 Batteriemodule mit je fünf Zellen

Wie schon im Leaf erhält der elektrische Antriebsstrang des e-NV200 seine Kraft aus einer von Nissan selbst entwickelten Lithium-Ionen-Batterie mit 48 Modulen. Jedes Modul enthält fünf Batteriezellen. Die besonders strengen Qualitätsstandards beim Umgang mit den Batteriezellen erforderten im neuen Nissan Batteriewerk Sunderland die Einrichtung eines „Clean rooms". Die dort tätigen Mitarbeiter tragen spezielle Arbeitsanzüge sowie antistatische Schuhe und nehmen vor Schichtantritt regelmäßig eine Luftdusche. Die fertigen Zellen werden dann zur Montage nach Barcelona transportiert, wo sie zu einem speziell auf den Einsatz im e-NV200 zugeschnittenen Paket zusammengefügt werden. Die fertige Batterie wird in einem extrem robusten Metall-Gehäuse untergebracht, das auch bei einem Heck- oder Seitenaufprall optimalen Schutz bietet.

Akkus im Zwischenboden sorgen für tiefen Schwerpunkt

Das „Kraftwerk“ des e-NV200 ist kürzer und schmaler als jenes im Leaf; mit 267,5 kg darüber hinaus auch 7,5 kg leichter. Um den Schwerpunkt des Fahrzeugs so tief wie möglich zu halten, ist die Batterie unterhalb des Ladebodens installiert. Analog zum Leaf bringen es die 48 Module auf eine nominale Kapazität von 24 kWh; doch kommt im Nissan e-NV200 zusätzlich eine während des Schnellladens automatisch „anspringende“ Kühlfunktion zum Einsatz.

Hintergrund: Die Einsatzzyklen im gewerblichen Bereich weichen von denen im privaten Umfeld deutlich ab. Im Profi-Einsatz wird die Schnellladeoption weitaus häufiger in Anspruch genommen, um so die Ruhezeiten der Fahrzeuge zu minimieren. Daher werden die Zellen im e-NV200 vorsorglich mit Luft aus dem bordeigenen Heizungs- und Klimasystem gekühlt. So sichert Nissan jederzeit optimale Ladebedingungen. Im Gegenzug wird die Batterie bei kühlen Außentemperaturen mit Warmluft beheizt, um sie so möglichst schnell auf optimale Betriebstemperatur zu bringen.

Nach Vorbild des Leaf ist auch beim e-NV200 der Ladeport im Bug des Fahrzeugs untergebracht. Die Ladeport-Klappe ist sowohl von außen über den Nissan Intelligent Key oder - von innen - über einen elektrischen statt mechanischen Schalter zu öffnen und zu schließen. Eine LED-Leuchte erleichtert im Dunkeln das sichere Einführen des Ladesteckers.

Praxistauglicher Kleintransporter

Der Nissan e-NV200 ist ein durchaus praxistaugliches Fahrzeug für den hauptsächlich innerstädtischen Bereich. Dort bewegt er sich lautlos, lokal emissionsfrei und sehr agil. Das Fahren macht richtig Spaß, er ist eonfach zu bedienen und sehr variabel.

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