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MES Expo 2019: Hybrid ist modern, autonom noch weit weg

| Redakteur: Richard Oed

Vom 5. bis 7. November 2019 stand in den Berliner Messehallen auf der MES Expo die Zukunft der Mobilität im Fokus. Die neue Fachmesse für die Elektronikzuliefererindustrie der Mobilitätsbranche bot den Fachbesuchern ein Podium für den intermodalen Austausch.

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Vom 5. bis 7. November 2019 fand in Berlin die Premiere der MES Expo statt. Mit über 1300 teilnehmenden Branchenvertretern verzeichnete die neue Fachmesse für Elektronikzulieferer der Mobilitäts-Industrie einen erfolgreichen Start.
Vom 5. bis 7. November 2019 fand in Berlin die Premiere der MES Expo statt. Mit über 1300 teilnehmenden Branchenvertretern verzeichnete die neue Fachmesse für Elektronikzulieferer der Mobilitäts-Industrie einen erfolgreichen Start.
(Bild: Messe Berlin)

Die Erstauflage der MES (Mobility-Electronics-Suppliers) Expo bot Unternehmen aus den Bereichen Schiene, Nutzfahrzeuge und Automotive erstmalig eine verkehrssystemübergreifende Plattform zur interdisziplinären Kommunikation. Dabei wandte sie sich speziell an Fahrzeughersteller, Verkehrsunternehmen, Hersteller und Lieferanten der Verkehrstechnik, aber ebenfalls an Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Forschung. Mehr als 1300 Branchenvertreter nutzten die Gelegenheit, sich bei den über 50 nationalen und internationalen Ausstellern über den Stand der Technik zu informieren und mit ihnen intensiv die Zukunft der Mobilität zu diskutieren.

Ergänzt wurde die Industriemesse in der Halle 2.2 der Messe Berlin durch ein fachliches Rahmenprogramm im Dialog Forum in der Halle 1.2. Dieses wurde vom Verband der Bahnindustrie (VDB), dem Zentralverband der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) sowie dem Deutschen Verkehrsforum (DVF) ausgerichtet. Die Themen der zahlreichen Vorträge und Podiumsdiskussionen reichten dabei von der vernetzten Mobilität bis hin zur Schiene 4.0.

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So stellte beispielsweise Julian Brockmeyer von PriceWaterhouseCoopers die im Auftrag des ZVEI erstellte „Studie zum Zukunftsbild Stromverteilnetze“ vor. Deren Ausblick auf das Jahr 2030 zeigte, dass sich der Energiemarkt bis dahin vollständig wandeln werde und die Rollen aller Akteure – vom Anbieter bis zum Endkunden – neu definiert werden müssen, so Brockmeyer.

Die Elektromobilität kommt in vielen Formen

Auf die Elektrifizierung des Antriebs im Bereich Nutzfahrzeuge ging Patrik Akerman von Siemens Mobility im Rahmen seines Vortrages ein. Gerade im Güterverkehr würden batteriebetriebene Fahrzeuge mit ihren langen Ladezeiten auf große Skepsis stoßen. Der eHighway und Hybrid-Lastkraftwagen stellten hier nach Aussage von Akerman eine sinnvolle Alternative dar. Dabei könne besonders der Oberleitungs-LKW enorm von den Erfahrungen im Schienenverkehr profitieren.

Dass der Ausweitung der Elektromobilität nur gelingen kann, wenn dies mit dem Ausbau der Ladeinfrastruktur einhergeht, darauf wies Sebastian Lahmann von der Nationalen Organisation Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie (NOW GmbH) in seiner Präsentation mit dem Thema „Ladeinfrastruktur im öffentlichen Raum“ hin. Denn gerade für das Zwischenladen müssten ausreichend öffentliche Ladepunkte zur Verfügung stehen, um die Akzeptanz des Elektroantriebs zu erhöhen.

Interessante Zahlen stellte Stefan von Mach von Bombardier Transportation in seinem Vortrag über die Entwicklung und Markteinführung von Batterietriebzügen vor. So seien in Deutschland 66% aller im Regionalverkehr befahrenen Linien kürzer als 70 km (und 42% kürzer als 40 km). Daraus folgt laut von Mach, dass bereits heute 32% der Strecken mit Batteriezügen befahrbar wären, bei einer Elektrifizierung von ungefähr 100 bis 150 Endpunkten circa 75%. Für das Nachladen der Batterien an den Endstationen seien bei diesen Linien Standzeiten von 7 bis 10 Minuten ausreichend, ein Nachladen während der Fahrt unter Oberleitung ist ebenfalls möglich. Eine erste Erprobung eines derartigen „Talent 3“ Triebzugs wird die DB-Tochter Regionalverkehr Alb-Bodensee im Raum Ulm nach der Zulassung des Prototyps in Kürze starten.

Hybrid ist modern und autonomes Fahren nicht einfach

Hybridantriebe für Schienenfahrzeuge waren das Thema von Peter Bunzeck von der Knorr-Tochter Kiepe Electric. Die Lösung, die er im Rahmen seines Vortrags vorstellte, heißt Dieselzug als Vollhybrid in Kombination mit synthetischen Kraftstoffen. Auf Strecken mit Oberleitung fährt er elektrisch, während kürzere nicht elektrifizierte Linien im Batteriebetrieb überbrückt werden. Als Rückfalllösung ist zudem ein Dieselaggregat an Bord, das mit synthetischen Kraftstoffen, die über das Power-to-Liquids-Verfahren idealerweise aus regenerativen Energien gewonnen würden, betrieben wird. Mit Hilfe dieses Konzepts lassen sich rund 24% Energie gegenüber einem reinen Dieselbetrieb einsparen, so Bunzeck.

Über die Schwierigkeiten, autonom auf der Schiene zu fahren, berichtete Christian Wallner von Thales in seinem Vortrag über den Personenverkehr 4.0. Denn ein autonom fahrender Zug müsse nicht nur sicher Hindernisse und Personen detektieren und erkennen, sondern auch einschätzen, wie sich die Lage entwickeln wird, also welche Bedeutung der erkannte Gegenstand oder die erkannte Person für die Weiterfahrt des Zuges besitzt. „Was hat das Ding vor?“ ist laut Wallner eine zentrale Frage beim autonomen Fahren, die in Echtzeit beantwortet werden muss. So stelle ein Arbeiter in Warnweste neben dem Gleis eine geringere Gefahr dar, als eine Person ohne Schutzausrüstung. Eine vertrauenswürdige Künstliche Intelligenz würde bei der Umsetzung eines „Zuges mit Augen und Gehirn“ weiterhelfen, so Wallner weiter.

Weitere Vorträge im Rahmen des Dialog Forums beschäftigten sich unter anderem mit den Themen bedarfsbezogene Wartung, der Lenkung von Reisenden oder der Digitalisierung des Straßenverkehrs, aber auch mit technischen Themen wie SiC-basierten Hilfsstromversorgungen.

Produktneuheiten vom Zugsicherungssystem bis zum LED-Streifen

Verschiedene Aussteller zeigten auf der Messe ihre Produktneuheiten. So stellte beispielsweise die Münchner Firma Inova Semiconductors mit ISELED eine intelligente digitale LED vor. Dabei wird ein Mikrocontroller zusammen mit drei farbigen LEDs in einem Gehäuse integriert. Bis zu 4079 dieser LEDs können dann über eine differentielle Zweidrahtleitung in Serie geschaltet und mittels eines selbstentwickelten Protokolls einzeln oder in Gruppen angesteuert werden. Zusätzlich ist es möglich, bereits bei der Herstellung Kalibrierungsdaten abzulegen, womit die sonst übliche Kalibration beim Zulieferer entfällt. Dank einer Datenrate von 2 MBit/s sind so unterschiedliche Lichtszenarien im Innen- und Außenbereich eines Fahrzeugs in Videogeschwindigkeit machbar.

Der chinesische Hersteller Zhuzhou CRRC Times Electric präsentierte seine neuen Zugsicherungssysteme für den europäischen Markt. Dabei handelt es sich zum einen um das SigThemis ETCS-System (European Train Control System), das den Level 2 Baseline 3 unterstützt, zum anderen das LTE-basierte UC1000 CBTC-(Communication Based Train Control) System für Straßenbahnen und Regionalzüge. Beide Zugsicherungssysteme entsprechen den gängigen Normen, besitzen für kritische Subkomponenten SIL-Zertifikate und sind zu bestehenden Systemen kompatibel.

Im Bereich der Ladeinfrastruktur zeigten Harting Technology und KUKA einen innovativen Ladeassistenten anhand des Microsnap von Rinspeed, einem autonom fahrenden Transportmittel mit austauschbarer Kabine. Dabei stellt der Ladeassistent nach dem Parken eines Elektrofahrzeuges, beispielsweise in der Garage, automatisch die Kabelverbindung zwischen Wallbox und Fahrzeug her. Das aufgrund der örtlichen Gegebenheiten manchmal schwierige manuelle Einstecken entfällt mit dieser Lösung.

Start-ups waren gut vertreten

Im in die Ausstellungshalle integrierten Start-up-Pavillon präsentierten verschiedene junge Unternehmen ihre Lösungen für die Mobilität der Zukunft. So zeigte beispielsweise die Schweizer Firma PLC-Tec mit dem Power Line Communication Train Backbone (PTB) ihre Entwicklung für eine zuverlässige Datenkommunikation über die elektrischen Leitungen von Güterwagen, wie sie im Rahmen des 5L-Programms der schweizerischen Bundesbahnen eingeführt werden sollen.

Das schwedische Start-up Ekkono Solutions demonstrierte seine plattformunabhängige und ressourcenschonende Bibliothek für fortgeschrittenes Maschinenlernen in der Edge, die auf den Bereich der prädiktiven Instandhaltung im IoT und bei elektrischen Fahrzeugen abzielt. Dabei integriert die Bibliothek verschiedenste KI-Algorithmen.

Ebenso auf künstliche Intelligenz setzt das Berliner Unternehmen AAI (Automotive Artificial Intelligence) bei seiner Simulationsumgebung zum Test von Software für das autonome Fahren. Diese ermöglicht die Simulation von Verkehrssituationen unter realistischen Bedingungen, was Herstellern erlaubt, ihre Software entsprechend abzustimmen. Damit kann ein virtuelles Fahrzeug in wenigen Stunden genauso viele Testkilometer absolvieren wie ein echtes Fahrzeug auf der Straße in einem Monat.

Zusätzlich rundeten Vorträge und Diskussionsrunden in der Speakers Corner die Veranstaltung ab, ebenso das Procurement Center, das sich speziell mit den sich durch die Digitalisierung verändernden Anforderungen an den Einkauf elektrischer und elektronischer Komponenten beschäftigte.

Gelobt wurde von Ausstellern und Besuchern neben der Möglichkeit, dank des verkehrsübergreifenden Konzepts der Messe mit Herstellern aus anderen Mobilitätssegmenten Synergieeffekte zu erzielen, auch die Gelegenheit, in Ruhe inhaltlich wertvolle Gespräche führen zu können. Zufrieden zeigte sich ebenfalls der Veranstalter der MES Expo: „Mit über 1300 Branchenvertretern wurden bei der Premiere unsere Erwartungen mehr als erfüllt. Die vergangenen drei Messetage haben gezeigt, dass die Branche die MES Expo als neue intermodale Plattform angenommen hat.“, so die Projektleiterin Lisa Höfer von der Messe Berlin. Die nächste Ausgabe der Industriemesse ist für die Zeit vom 9. bis zum 11. November 2021 geplant.

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