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Intelligente Straßenlaternen – Big Brother für das Gemeinwohl?

| Autor / Redakteur: Peter Maahn / Benjamin Kirchbeck

Vernetzte Straßenlaternen: Wegen des chronischen Geldmangels der Kommunen wird die flächendeckende Einführung auf sich warten lassen. Zumindest so lange, bis die Politik entdeckt, wie viel Geld damit verdient werden kann.
Vernetzte Straßenlaternen: Wegen des chronischen Geldmangels der Kommunen wird die flächendeckende Einführung auf sich warten lassen. Zumindest so lange, bis die Politik entdeckt, wie viel Geld damit verdient werden kann. (Bild: Continental)

Die Straßenlaterne soll zum intelligenten High-Tech-Produkt werden. Sie dienen als Träger von Kameras, sind zur Verkehrsregelung mit dem Internet vernetzt oder halten Steckdosen für Elektroautos bereit. Doch eine Frage bleibt: Überwachungswahn oder Nutzen für alle?

Sie ist allgegenwärtig, trotzt unter freiem Himmel Wind und Wetter und hat immer einen Stromanschluss. Nach Meinung mancher Elektronikkonzerne ist so eine gute alte Straßenlaterne viel zu schade, um bei Nacht nur Licht zu spenden und tagsüber nur herumzustehen. Wie wäre es denn, die Leuchten samt ihren Masten mit moderner Technik zu verheiraten, sie mit dem Internet zu koppeln und mit Fähigkeiten zu versehen, von denen ihre Erfinder im 19.Jahrhundert nur träumen konnten.

Eine Antwort gibt Continental auf der CES unter dem Namen „Intelligent-Street-Lamp“, die kluge Laterne also. Sie ist mit Kameras und Sensoren ausgestattet, soll helfen Staus zu reduzieren und dadurch die Umwelt zu entlasten. Die Helligkeit kann dem Verkehrsaufkommen angepasst werden, um den klammen Gemeinden beim Sparen zu helfen. Und wenn bald auch die Autos miteinander vernetzt sind, könnte so eine High-Tech-Laterne vor einer Kreuzung Autofahrer warnen, dass da gerade ein leichtsinniger Fußgänger bei Rot einfach drauf losmarschiert. Um die Möglichkeiten im wirklichen Leben zu testen, hat der deutsche Konzern in der kleinen kalifornischen Stadt Walnut Creek unweit von San Franzisco eine Versuchsanlage aufgebaut.

Für eine Kreuzung müssen natürlich Kamera-Laternen rundum installiert und mit einer Verkehrszentrale vernetzt sein. So kann bei Unfällen schnell Hilfe geholt werden, wenn es solche denn überhaupt noch an so einer Kreuzung gibt. Denn durch die ständige Überwachung erkennt ein Rechner, ob zum Beispiel beim Linksabbiegen ein Zusammenstoß droht und warnt die künftig stets miteinander in Verbindung stehenden Autofahrer. Sind solche Lampen entlang von Straßenzügen montiert, können freie Parkplätze erkannt und an suchende Verkehrsteilnehmer gemeldet werden. Conti-Projektkoordinator Alfred Waldhaeusl nennt weitere Beispiele: „Sensoren und Messgeräte erfassen Wetterdaten wie Regen, Schnee oder Eis und sind in der Lage, rechtzeitig vor den Gefahren zu warnen. Vorstellbar ist auch, dass in den Pfosten eine Ladestation für E-Autos integriert wird. Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt“.

Da es mit der Vernetzung ganz normaler Auto noch lange dauern wird, werden die Möglichkeiten dieser Technik wohl heute schon Begehrlichkeiten beim Staat wecken. Schließlich sind dank der allgegenwärtigen Kameras auch Verkehrssünder stets im Fadenkreuz und können schnell identifiziert werden. Wie zum Beispiel in Taiwan, wo der Elektronikkonzern LiteOn seine multifunktionalen Lampen in Zusammenarbeit mit den Behörden bereits in einigen Gebieten aufgestellt hat. „Dauerte es bisher über einen Tag, bis ein Verkehrsverstoß abgearbeitet worden ist, sind es jetzt nur drei Stunden, bis der Strafzettel ausgestellt ist“, sagt LiteOn-Ingenieur David Yeh nicht ohne Stolz. Außerdem sei durch die kamerabestückten Straßenlampen die Genauigkeit beim Erkennen von Verkehrssünden verbessert worden. Das gilt dann zum Beispiel, wenn er Privat-Pkw die Busspur benutzt.

Im Prinzip entspricht das taiwanesische Projekt, das ebenfalls auf der CES vorgestellt wurde, dem des deutschen Konkurrenten. Wobei es auch Ideen jenseits staatlicher Geldgier gibt. Wenn in den Laternen einmal „künstliche Intelligenz“ mit eingebaut ist, kann deren Neugier durchaus auch zum Nutzen der Menschen sein. Erfasst eine Kamera zum Beispiel eine Gruppe von Kindern oder einen Rollstuhlfahrer, die einen Übergang nur langsam bewältigen können, verlängert das System automatisch die Ampelphase.

Der Vorteil, die vertraute Straßenbeleuchtung für all die Möglichkeiten zu nutzen, liegt auf der Hand. Sie sind immer bereits mit einem Stromanschluss versehen, deren Kabel unterirdisch verlegt sind und ergänzt werden können. Für die Installation müssen auch keine zusätzlichen Befestigungen wie Masten oder an Häusern neu errichtet werden. Und die Straße gehört nun mal dem Staat. Kleiner Trost für verängstigte Autofahrer, die die Dauer-Überwachung fürchten: Wegen des chronischen Geldmangels der Kommunen wird die flächendeckende Einführung solcher Systeme noch lange auf sich warten lassen. Zumindest so lange, bis die Politik entdeckt, wie viel Geld damit verdient werden kann.

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