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Grundlagen des Autonomen Fahrens – Teil 5

| Autor/ Redakteur: Marc Patrick / Benjamin Kirchbeck

Im fünften und vorletzten Teil der Serie "Grundlagen des Autonomen Fahrens", stellt sich die Frage nach der gesellschaftlichen Akzeptanz selbstfahrender Fahrzeuge. Und wer kontrolliert eigentlich die Kontrolleure?

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(Bild: Clipdealer)

Ein technologischer Sprung kann den Straßenverkehr von Grund auf verändern. Radikaler Wandel findet dabei auf mehreren Ebenen statt, etwa im Hinblick auf Antriebssysteme (Umstieg von Verbrennungsmotoren auf Elektroantriebe) oder die zunehmende Verbreitung von „X-by-Wire“-Technik (Austausch schwerer, weniger zuverlässiger mechanischer Systeme). Eine Schlüsselrolle kommt dabei der Frage zu, wer – oder was – in Zukunft für die Steuerung eines Fahrzeugs verantwortlich ist.

Unabhängig von der eingesetzten Antriebskraft wird Elektronikhardware für die Fahrzeugführung und -bedienung immer wichtiger. Gleichzeitig nimmt der Autonomiegrad der Fahrzeugsysteme zu, sodass Fahrer in den kommenden Jahren immer seltener zum Steuer greifen müssen. Während sich die beiden vorangegangenen Artikel dieser sechsteiligen Reihe auf das technologische Gerüst – Sensoren bzw. Kommunikationsinfrastruktur – konzentrierten, befassen sich die beiden nächsten Artikel mit der Frage, wie die gesellschaftliche Akzeptanz autonomer Fahrzeuge erhöht werden kann und wo potenzielle Problemstellen liegen.

Smartere Fahrzeugtechnologien

Ein Aspekt intelligenter Fahrzeuge, der für mehr Straßensicherheit sorgen soll, ist ihr hoher Vernetzungsgrad. Cloudbasierte Systeme vernetzen nicht nur einzelne Autos, Busse und Lkws miteinander, sondern können auch an Verkehrsleitsysteme angebunden werden. Dank dieser Interkonnektivität sind Fahrzeuge stets über Ampelschaltungen, Verkehrshindernisse und andere Verkehrsteilnehmer informiert. Sie müssen sich nicht allein auf ihre Sensorerkennung verlassen, sondern haben jederzeit einen umfassenden Überblick über das Verkehrsgeschehen.

Zu beachten ist in jedem Fall, dass noch andere Faktoren außer der Position, Geschwindigkeit und Fahrtrichtung von Fahrzeugen berücksichtigt werden müssen – auch die Verkehrsetikette wird einen erheblichen Einfluss auf die Entscheidungen selbstfahrender Autos haben. Gerade beim Fahren in der Stadt ist oft gedankenschnelleres Handeln als etwa auf Landstraßen nötig. Ständig kommt es zu Fahrmanövern, die einem selbstfahrenden Auto zu riskant erscheinen könnten – etwa das Einfädeln in eine stark befahrene Fahrspur.

In Kulturen, in denen Fahrzeuge eher abbremsen, um andere Verkehrsteilnehmer einfädeln zu lassen, wird die Software das Risikopotenzial mit höherer Wahrscheinlichkeit als hinnehmbar einstufen und den Spurwechsel veranlassen. In Teilen der Welt, in denen eine weniger stark reglementierte Fahrkultur herrscht, muss die KI-gestützte Software aber unter Umständen risikobereiter agieren und einen Spurwechsel unter der Annahme wagen, dass der von hinten kommende Fahrer mit dem Einfädeln rechnet und schnell genug abbremst.

In den Anfangsjahren des Autonomen Fahrens, wenn maschinenbasierte und menschliche Fahrer nebeneinander existieren, scheinen Kollisionen aus verschiedenen Gründen unvermeidlich. Erst in ferner Zukunft werden Fahrzeuge in der Lage sein, sich drahtlos aufeinander abzustimmen und etwa anhand eines Algorithmus zu entscheiden, wer beim Reißverschlussverfahren wie einfädelt.

Zorn auf fahrende Automaten

Eine weitere Frage ist, inwieweit selbstfahrende Autos die Verkehrsetikette beeinflussen werden. Aktuellen Studien zufolge kann die Präsenz autonomer Fahrzeuge, welche derzeit Testfahrten auf öffentlichen Straßen absolvieren, Auswirkungen auf das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer haben. Konkret wurde beobachtet, dass Fahrer zu einem aggressiverem und rücksichtsloserem Verhalten tendieren. Unter Umständen ist das auf die Konfrontation mit dem Neuartigen zurückzuführen, denn aktuell sind nur eine Handvoll Testfahrzeuge im Einsatz.

Oder dringen die selbstfahrenden Roboter doch in tieferliegende Schichten unserer Psyche vor? Es sind Fälle bekannt, in denen Personen mit Handfeuerwaffen selbstfahrende Autos unter Beschuss nahmen, während diese eine Testfahrt absolvierten. Das Motiv dieser Übergriffe bleibt im Dunkeln. Ein Grund könnte Ärger darüber sein, dass Menschen Gefahr laufen, durch Technologie ersetzt zu werden und ihren Job zu verlieren (Taxifahrer, Lastwagenfahrer usw.). Vielleicht handelt es sich aber auch nur um eine instinktive Aversion gegen das Fremde.

Es ist vielleicht naiv zu glauben, dass Autonomes Fahren in allen Teilen der Gesellschaft gleichermaßen gut oder schlecht angenommen werden wird. Manche Bevölkerungsschichten werden die Technologie bereitwilliger akzeptieren als andere; gerade das Alter spielt dabei eine wesentliche Rolle. Diejenigen, die seit Jahrzehnten Auto fahren, werden wahrscheinlich nicht so leicht davon zu überzeugen sein, ein Verkehrsmittel auszuprobieren, das ihnen völlig fremd erscheint (und mit einem Kontrollverlust einhergeht), wie jemand, der gerade erst seine Fahrprüfung bestanden hat. In mehreren europäischen Ländern laufen derzeit Initiativen, die diese Problematik adressieren. Sie sollen sicherstellen, dass die Anliegen der älteren Generationen nicht ignoriert werden, und versuchen, ihre Teilhabe an der Technologie zu fördern.

Wer kontrolliert die Kontrolleure?

Die Algorithmen, auf deren Basis künstliche Intelligenz Entscheidungen trifft, werden von Menschen programmiert. Daraus ergeben sich diverse Dilemmas. Bereits jetzt wird hitzig diskutiert, welche Entscheidungskriterien autonome Fahrzeuge in Situationen heranziehen sollen, bei denen Menschenleben auf dem Spiel stehen.

Solche Fragen haben an Relevanz gewonnen, seit Menschen begonnen haben, Aspekte der öffentlichen Ordnung an Maschinen abzutreten. Letzten Endes wird es dazu kommen, dass rechtliche Belange, kommunales Verkehrsmanagement, Fußgängerschutz und unzählige andere Aspekte der Interaktion von Fahrzeugen mit der Gesellschaft „Elektronengehirnen“ überlassen werden (die jedoch an einen Handlungsrahmen gebunden sind, der ihnen von menschlichen Ingenieuren vorgegeben wurde).

Die damit verknüpfte Verantwortung liegt natürlich nicht allein aufseiten des Fahrzeugs. Autonome Verkehrsmittel sind nur ein Teil des weitreichenden Smart-City-Ökosystems. Die Cloudinfrastruktur städtischer Umgebungen wird für die Verkehrssicherheit ebenso entscheidend sein wie der Zustand des Straßennetzes oder die Wetterbedingungen. Es müssen ausgeklügelte V2X-Netzwerksysteme (Vehicle-to-Everything) eingerichtet werden, die skalierbar, extrem zuverlässig und reaktionsschnell sind. Ingenieuren kommt hierbei die Aufgabe zu, die erforderlichen Bauelemente und Subsysteme bereitzustellen. Gleichzeitig gilt es eine Fülle grundlegender Fragen im Hinblick darauf zu beantworten, wer bei Unfällen die Verantwortung trägt. Diese werden im letzten Teil dieser Reihe behandelt.

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