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Fünf-Jahres Vergleich – Die Innovationsstärke der globalen Automobilhersteller

| Redakteur: Benjamin Kirchbeck

Die Automobilindustrie befindet sich inmitten ei-nes paradigmatischen Wandels, bei dem neue Technologien und neue Wettbewerber auf den Plan treten.
Die Automobilindustrie befindet sich inmitten ei-nes paradigmatischen Wandels, bei dem neue Technologien und neue Wettbewerber auf den Plan treten. (Bild: gemeinfrei / CC0)

Die Innovationskraft der Automobilindustrie wird zu einer Überlebensfrage. Welche Automobilhersteller haben die höchste Innovationskraft? Welche Akteure sind in bestimmten Zukunftsfeldern besonders stark? Und welchen Automobilherstellern sind weniger gut gerüstet, um diesen Paradigmenwechsel erfolgreich zu bestehen?

Das Center of Automotive Management (CAM) hat in einer aktuellen Studie die Innovationskraft von 35 globalen Automobilherstellergruppen in den letzten fünf Jahren analysiert und deren Positionierung in den Zukunftsfeldern Elektromobilität, Connectivity und Autonomes Fahren bewertet. Ausgangspunkt der Studie sind über 5.500 einzeln nach dem MOBIL-Ansatz bewertete Innovationen und Technologien der Automobilhersteller zwischen 2014 und 2018. Dabei wurden keine Neuerungen im Bereich der konventionellen Antriebe betrachtet, um mögliche Tricksereien o.ä. rund um Verbrauchswerte und Abgasreinigungen etc. aus der Bewertung auszuschließen.

Status quo: Die Luft wird dünner

Die deutschen Automobilhersteller besitzen über alle Technologiefelder hinweg immer noch eine sehr hohe Innovationsstärke, wenngleich neue Wettbewerber stark aufgeholt haben und immer gefährlicher werden. Dagegen konnten andere etablierte Hersteller in den letzten Jahren mit der Innovationsdynamik nicht mithalten und sind deutlich zurückgefallen (vgl. Abbildung 1).

Volkswagen, Daimler und BMW sowie der Newcomer Tesla führen die Rangliste der innovationsstärksten Konzerne der letzten Jahre (2014 bis 2018) an. Sie erreichen zwischen 902 (VW) und 325 Innovations-Indexpunkten. Die Innovationsstärke der Volkswagen Gruppe (Audi, VW, Porsche etc.) speist sich etwa aus 1.031 gewichteten Einzelinnovationen, wovon 206 Neuerungen als „weltneu“ klassifiziert werden konnten. Der Wolfsburger Konzern weist damit die mit Abstand meisten Weltneuheiten vor Daimler (120) auf. Volkswagen hat – im Unterschied zum Dieselbetrug – in den letzten Jahren auch viele richtige technologische Entscheidungen getroffen. Diese führten unter Verwendung der Baukastenstrategie zu einer Vielzahl von Neuerungen in unterschiedlichen Fahrzeugsegmenten und hohen Absatzzahlen und Gewinnen. Ähnliches gilt auch für Daimler und BMW. Unter Druck gesetzt werden Volkswagen, aber auch Daimler und BMW zunehmend durch den Aufsteiger Tesla, der mit 120 Innovationen und 53 Weltneuheiten im Betrachtungszeitraum zu den Top-Performern zählt und bereits auf einen sehr beachtlichen Rang vier landet.

Im vorderen Mittelfeld des Fünf-Jahres-Innovations-Rankings befinden sich auf den Plätzen fünf bis acht die Konzerne Hyundai (inkl. Kia), Ford und GM und Tata (JLR), die zwischen 275 bzw. 263 Indexpunkten erreichen. Bei diesen OEM sinkt etwa die Zahl der Weltneuheiten bereits deutlich. In den Top-10 der innovationsstärksten Hersteller befinden sich noch Geely (Volvo) (229 P.) und Honda (215) P.), während Toyota (206 P.) – als zweitgrößter Hersteller nach Absatzzahlen – bei der Innovationsstärke nur auf Rang 11 kommt. Im Mittelfeld mit über 150 Indexpunkten landet noch der französisch-deutsche Hersteller PSA (159 P.).

Im breiten Feld der bereits innovationsschwächeren Automobilhersteller (<150 Punkte) befinden sich die Konzerne Renault sowie dessen (Noch-)Allianzpartner Nissan und der italienisch-amerikanische FCA Konzern. Mazda kommt mit einer Innovationsstärke von 104 Punkten und insgesamt 76 Innovationen im Betrachtungszeitraum noch auf Rang 16.

Das Schlussfeld mit einer Innovationsstärke von weniger als 100 Indexpunkten wird an-geführt von kleineren Konzernen wie Suzuki und Subaru sowie von chinesischen Automobilherstellern wie BAIC, Great Wall und Chery. Allerdings machen die chinesischen Automobilhersteller in jüngerer Zeit erhebliche Innovationssprünge insbesondere in zentralen Zukunftsfeldern wie der Elektromobilität. Dabei ist insbesondere auch auf neue Unternehmen bzw. Startups wie NextEV (Nio) hinzuweisen (siehe unten).

Auf- und Absteiger: Die Innovationsdynamiken in den letzten fünf Jahren

Der Trend der letzten fünf Jahre zeigt, dass es nunmehr neuen Akteuren gelingt in relativ kurzer Zeit eine sehr hohe Innovationskraft aufzubauen. Die Eintrittsschwellen für neue Akteure sind durch neue Technologien und Geschäftsmodelle gesunken. Automobil-Start-ups oder Mobility Provider gelingt es mit ihren Innovationen in kurzer Frist in die Phalanx der großen Automobilkonzerne aufzusteigen, vor allem indem diese sich vornehmlich auf die Zukunftsfelder fokussieren. Die Aufsteiger und Absteiger der letzten fünf Jahre (2014-2018) ergeben sich aus dem Ver-gleich der Innovationsrangfolge der Vorjahre.

Aufsteiger

Größter Aufsteiger in den letzten fünf Jahren ist der Elektrospezialist Tesla, der sich in dieser Periode als Neueinsteiger von Null auf Rang 4 der innovationsstärksten Automobilhersteller hochkatapultieren kann. Hyundai und Tata (Jaguar Land Rover) haben ihre Innovationskraft in den letzten Jahren ebenfalls deutlich verbessert und machen einige Plätze gut. Aber auch die Innovationskraft von anderen weniger bekannten Playern, etwa aus China, steigt im Untersuchungszeitraum erheblich. Das Start-up NextEV konnte mit der Marke Nio im Jahre 2018 sogar bereits bis auf Rang 9 aufsteigen. Auch chinesische Konzerne wie SAIC, BAIC, Changan, Great Wall und Chery konnten ihre Innovationskraft – vor allem auch mithilfe von großen Automobilzulieferunternehmen – in den letzten Jahren deutlich verbessern.

Absteiger

Zu den größten Absteigern in der Untersuchungsperiode zählen die großen japanischen Hersteller Toyota und Nissan, die nicht mehr in den Top-Ten der innovationsstärksten Automobilkonzerne auftauchen. Toyota rutscht um sechs Plätze auf Rang 11 ab, während Nissan von Rang 8 auf Rang 15 fällt. Mitsubishi ist sogar innovationstechnisch um zehn Plätze auf Rang 25 eingebrochen und benötigt in vieler Hinsicht Unterstützung innerhalb der Renault-Nissan-Mitsubishi Allianz. Auch Renault ist ebenso wie Fiat-Chrysler (FCA) weiter zurückgefallen, die jetzt nur noch auf Rang 13 bzw. 14 gelangen. In den Top-Ten haben sich auch Ford und General Motors um einen bzw. zwei Plätze im Periodenvergleich verschlechtert.

Innovationsstärke der Automobilhersteller in den Zukunftsfeldern

Die Leistungskraft der Automobilhersteller unterscheidet sich in den verschiedenen Zukunftsfeldern zum Teil erheblich. Untersucht wurden die Zukunftsfelder „Battery Electric Vehicles“ (BEV) und Plug-in Hybrid Electric Vehicles (PHEV) sowie „Interface & Connectivity“ und „Advanced Driver Assistant Systems“ (ADAS, Fahrerassistenzsysteme). Der Innovationsanteil der Konzerne an diesen Feldern ist dabei ein Gradmesser der Zukunftsorientierung. Unter den 35 untersuchten Herstellergruppen weisen die chinesische BAIC (89%) und Tesla (88%) sowie FMC (81%) oder NextEV (71%) die höchste Fokussierung ihrer Innovationen auf die vier Zukunftsfelder auf. Im Mittelfeld finden sich Ford (66%), Daimler, BMW (je 61%) und Toyota (57%). Geringere Anteile der Innovationen an den vier Zukunftsfeldern haben etwa GM, Hyundai, PSA und Volkswagen (jew. knapp 50%). Grundsätzlich differiert jedoch in den verschiedenen Zukunftsfeldern der Elektromobilität, der Connectivity und der Fahrerassistenzsysteme/des Autonomes Fahrens die Innovationsstärke zwischen den Automobilherstellern zum Teil erheblich.

Innovationsstärke Elektromobilität

Grundlage der Berechnung der Innovationsstärke sind 159 Serien-Innovationen im Bereich der Elektromobilität. Unterschieden wird zwischen den reinen E-Autos (BEV) und den Plug-in Hybriden (PHEV), die zusätzlich einen Verbrenner an Bord haben. Bei der reinen Elektromobilität (BEV) ist Tesla mit weitem Abstand der Innovationsführer (47 Indexpunkte). Überraschend folgen die chinesischen Hersteller BAIC und BYD mit 15 bzw. 12 Indexpunkten auf den Plätzen, Dongfeng kommt auf Rang 5 (10 Pkt). Als einziger europäischer Hersteller gelangt Renault mit knapp 12 Punkten noch auf Rang 4 und kann als Top-Performer der E-Mobilität gelten, die teils schon seit einigen Jahren verschiedene Serienmodelle im Angebot haben.

Im Mittelfeld befinden sich Konzerne wie Tata, GM, Nissan, Hyundai, BMW, Volkswagen o-der Daimler mit Innovationsstärken von 3 bis 9 Indexpunkten. Tata hat einen Sprung nach vorne gemacht aufgrund des Serienstarts 2018 des Jaguar iPace. Die deutschen Premiumhersteller Audi und Daimler haben neue BEV Modelle vorgestellt, die aber erst demnächst bestellbar sind. Vergleichsweise schwach im BEV-Bereich sind Ford, Toyota, FCA oder Honda. Einige Konzerne haben in den letzten Jahren überhaupt keine reinen E-Autos in Serie gebracht.

Bei Plug-In-Hybriden (PHEV) zählen die deutschen Hersteller dagegen zu den Innovationsführern. Vorn liegt der VW-Konzern (24 Indexpunkte) vor Daimler (20) und BMW (18). Die deutschen Hersteller haben dabei bereits eine vergleichsweise breite Palette von PHEV im Angebot. Konzerne wie GM, Geely, BYD, Hyundai und Toyota sind hier nur im Mittelfeld, während u.a. Fiat-Chrysler, Honda oder Ford nur eine niedrige Innovationsstärke besitzen.

Für eine Zukunftsabschätzung der Innovationsstärke geht das CAM für die nächsten Jahre im Bereich E-Mobilität von einer starken Aufholjagd der deutschen Konzerne aus. Insbesondere der VW-Konzerns könnte aufgrund zahlreicher innovativer Modelle in den Segmenten seine Innovationskraft im Bereich BEV stark erhöhen. Auch Daimler hat viele Modelle mit hoher Reichweite angekündigt: in der Oberklasse, der unteren Mittelklasse, im SUV-Bereich.

Innovationsstärke Interface & Connectivity

Der Bereich „Interface und Connectivity“ besteht aus Bedien- und Anzeigekonzepten sowie Informations- und Kommunikationssystemen. Hier bilden insgesamt 689 einzelne Innovationen die Basis. Beispiele von Interfaces sind etwa Gesten- und Sprachsteuerungen mit AI-Dialogsystemen oder prädiktive Navigationssysteme, während Connectivity Neuerungen etwa vernetzte Parksysteme oder Vehicle-2-Vehicle oder Vehicle-2-X Anwendungen umfassen.

Im Bereich „Interface & Connectivity“ liegt der VW-Konzern (186 P.) mit deutlichem Ab-stand vorn. So punktet die Marke Audi etwa mit ersten vernetzten Fahrzeugzugangs-Anwendungen. Es folgt BMW mit 110 Indexpunkten, die wiederum einen deutlichen Abstand vor dem Drittplatzierten Daimler (78 P.) aufweisen. Eine hohe Innovationsstärke weisen auch Tata, GM und Ford mit jeweils über 60 Indexpunkten auf. So stammt etwa eine Warnfunktion sich anbahnender Defekte von GM. Im Mittelfeld bewegen sich etwa die Konzerne Hyundai, Toyota, Geely und Tesla mit Indexwerten zwischen 40 und 60 Punkten. Die Schlussgruppe führt FCA mit knapp 40 Punkten an. Hier finden sich neben PSA und Renault die meisten japanischen Konzerne.

Innovationsstärke Autonomes Fahren und Assistenzsysteme

Beim Zukunftsthema „Autonomes Fahren“ unterscheidet sich die Innovationsstärke erheblich zwischen den Automobilherstellern. Nur wenige Hersteller haben grundsätzlich die Kompetenzen und Ressourcen Autonomes Fahren nach Level 4 und 5 zu entwickeln. Hier sind vielfach Kooperationen zu erwarten. Die höchste Innovationsstärke hat dabei mit Ab-stand die Alphabet-Tochter Waymo. Aber auch Mobility Provider wie der Fahrdienstvermittler Uber und der chinesische IT-Konzern Baidu kommen als neue Wettbewerber in diesem Technologiefeld hinzu. Zu den Fahrerassistenzsystemen (bis Level 2), die bereits in Serie sind, zählen Neuerungen wie Stau-Assistenten (BMW) , teil-autonome Tempomaten oder (Audi A8, MB E-Klasse) oder Nothalte-Assistenten (VW). Das ist nach wie vor die Domäne der etablierten Automobilhersteller.

Innovationsführer ist hier der Volkswagen Konzern (insbesondere Audi) (152 P.) mit einer breiten Palette von Neuerungen. Zu den Top-Performern zählen auch Tesla (76) und Daimler (75). Mit etwas Abstand besitzen auch Ford, Honda und BMW eine hohe Innovationskraft. Im Mittelfeld befinden sich Konzerne wie GM, Toyota und Hyundai, die zwischen 20 und 35 Indexpunkte erreichen. Relativ schwach aufgestellt in diesem Zukunftsfeld sind bis-lang Fiat-Chrysler, Nissan und Renault.

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Ein interessanter, ja spannender Artikel! Durch ihn kann man einmal weitgehend objektiv...  lesen
posted am 20.12.2018 um 13:49 von Unregistriert


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