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Fünf Corona-Effekte auf die Mobilität

| Redakteur: Benjamin Kirchbeck

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Epidemie haben in vielen Bereichen der Gesellschaft für Verwerfungen und radikale Änderungen gesorgt. Auch in Bezug auf unsere Mobilität. Folgende fünf Beispiele verdeutlichen, wie sehr wir von zum Teil kurz- aber wohl auch einigen längerfristigen Änderungen betroffen sind.

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Unser Mobilitätsverhalten hat sich in Zeiten der Pandemie zum Teil radikal verändert und normalisiert nur schrittweise wieder.
Unser Mobilitätsverhalten hat sich in Zeiten der Pandemie zum Teil radikal verändert und normalisiert nur schrittweise wieder.
(Bild: gemeinfrei / CC0 )

Unser Mobilitätsverhalten hat sich in Zeiten der Pandemie zum Teil radikal verändert. Eindrucksvolle Auswirkungen hatten die Lockdown-Maßnahmen auf den Autoverkehr. Mitte März waren die Straßen in den Städten plötzlich leer. Über Tage hinweg hätte man meinen können, es sei gerade Fußball-WM und Deutschland in einem entscheidenden Finalspiel. Wochenlang waren zudem die sonst zahlreichen Meldungen im Verkehrsfunk Mangelware. Angesichts nahezu leerer Autobahnen gab es schlicht nichts zu melden. Seit April hat sich vielerorts der Straßenverkehr gefühlt wieder normalisiert. Auch auf den Autobahnen hat der Verkehr wieder deutlich zugenommen, allerdings auf niedrigerem Niveau im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit. An Pfingsten konnte man auf deutschen Fernstraßen in größerer Zahl wieder Staus erleben, wenngleich diese weniger zahlreich und lang waren als in den Jahren zuvor. Doch zeigt sich, dass sich die Verkehrssituation wieder normalisiert und wir uns schrittweise weiter zurück auf Vor-Corona-Niveau bewegen.

Vielleicht wird der Autoverkehr sogar noch zunehmen, denn viele Deutsche haben ihr liebstes Kind in der Corona-Krise zugleich als ein besonders attraktives Transportmittel schätzen gelernt, da man in ihm den Ansteckungsgefahren in Öffis, Taxis oder der Bahn entgehen kann. Ihr Auto erleben viele als Ort der Geborgenheit, der seine Insassen in einen schützenden Kokon hüllt. Eben diese Abgeschirmtheit hat einen gar unerwarteten Effekt, denn plötzlich sind Autokinos in ganz Deutschland wieder gefragt. Wer aktuell eine vorsichtige Zählung vornimmt, kommt deutschlandweit auf mehr als 70 Corona-Cinemas. Auf Messegeländen, Flughäfen und Großparkplätzen schauen Hunderte Pkw-Insassen aus ihren Fahrzeugen heraus auf riesige Projektions-Leinwände oder LED-Bildschirme. Wenige Wochen zuvor war das Autokino noch eine aussterbende Art. Anfang 2020 gab es in ganz Deutschland gerade noch eine Handvoll permanenter Autokinos sowie ein Dutzend saisonaler Kfz-Lichtspiele. Ein großes Geschäft war der Kinobetrieb ohnehin nicht mehr. Die Zuschauerzahlen gingen seit Jahren zurück, längst waren die Betreiber auf Nebeneinnahmen angewiesen, etwa über Floh- und Automärkte auf dem Kinogelände. Dieser Tage kommen die Menschen wieder, um Filme zu sehen. Und das zahlreich.

Mit dem zeitweilig sehr starken Rückgang des Autoverkehrs hat sich vielerorts die Luftqualität deutlich verbessert. Unter anderem hat das Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz in Thüringen eindrucksvolle Zahlen veröffentlicht. Wie der MDR berichtete, wurden an 19 von 20 Stickstoffdioxid-Messstationen Rückgänge von gut 20 Prozent gemessen. In der von Corona stark betroffenen Lombardei in Italien haben Wissenschaftler des Earth Observation Center (EOC) im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) sogar fast eine Halbierung der Werte ermittelt. Experten haben aufgrund der plötzlich vergleichsweise sauberen Luft ganz neue Sorgen: Sie warnen vor der wachsenden Gefahr von Sonnenbränden, denn aufgrund der geringeren Verschmutzung treffen die Lichtstrahlen der Sonne weniger gefiltert auf die Haut.

Sogar deutlich verringert haben sich die Umwelt- und Lärmbelastungen durch den Flugverkehr. Bisweilen ist dieser in Deutschland nahezu vollständig zum Erliegen gekommen. Wer in Corona-Zeiten in Deutschland in den Himmel schaut, fühlt sich in die 70er-Jahre versetzt. Meist ist der Himmel frei von Kondensstreifen. Und zeigt sich doch einmal ein Jet, schauen ihm die Menschen staunend hinterher. Rückgänge beim Flugverkehr von bisweilen 95 Prozent setzen allerdings den Fluggesellschaften dramatisch zu. Bisher gesunde Konzerne wie etwa die Lufthansa machen Milliarden-Verluste und stecken in einer tiefen wirtschaftlichen Krise, die ohne staatliche Unterstützung schnell in einer Insolvenz enden dürfte. Flugkonzerne brauchen zur Bewältigung der Krise zudem einen langen Atmen, denn anders als im Straßenverkehr wird die Rückkehr zum Vor-Corona-Niveau beim Flugverkehr wohl noch Jahre dauern. Der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) rechnet erst wieder 2023 mit einem Flugaufkommen wie im Rekordjahr 2019. Für Fluggäste könnte sich die Krise hingegen positiv auswirken, denn der Dachverband der Fluggesellschaften IATA rechnet mit günstigeren Ticketpreisen, da das Angebot die Nachfrage übersteigt, Lockangebote wahrscheinlicher werden und sich außerdem der Ölpreis im Keller befindet.

Doch nicht alle Branchen der Mobilität leiden unter den Corona-Maßnahmen. Der sich seit Jahren im Aufwind befindliche Fahrradsektor erlebt derzeit einen besonderen Boom. Unter anderem erleben seit ihrer Wiedereröffnung viele Fahrradgeschäfte einen regelrechten Run auf Fahrräder, vor allem aber nach Pedelecs. Viele Deutschen, die ihren Urlaub haben ausfallen lassen, investieren das so gesparte Geld in neue Räder. Auch der Fahrradverkehr hat vielerorts massiv zugenommen. Um den möglichen Ansteckungsgefahren durch Corona in öffentlichen Verkehrsmitteln zu entgehen, satteln viele aufs Fahrrad um. In deutschen Großstädten lassen sich Szenen im Verkehr beobachten, wie man sie sonst aus Kopenhagen oder Amsterdam her kennt. Ein neues Phänomen in einigen deutschen Metropolen ist der Pop-up- oder Corona-Radweg, der bereits einen Wikipedia-Eintrag hat. Laut diesem sollen Pop-up-Radwege unter anderem den Radfahrern helfen, räumliche Distanz halten zu können. Oftmals wurden Pop-up-Radwege durch Umwidmung rechter Fahrstreifen der Autostraßen realisiert. Deshalb haben die neuen Radwege eine Debatte ausgelöst, ob sie nun dauerhaften oder doch nur vorübergehenden Charakter haben sollen.

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