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Erste Bilanz zum Pilotprojekt Oberleitungs-Lkw

| Autor/ Redakteur: Mario Hommen / Benjamin Kirchbeck

Mit Oberleitungs-Lkw soll der Lastverkehr auf der Straße klimafreundlicher werden. Erste Praxiserfahrungen sind allerdings ernüchternd. Verheißungsvoller erscheint zumindest die Fernvision.

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Scania testet den Oberleitungs-Lkw.
Scania testet den Oberleitungs-Lkw.
(Bild: Scania)

Um Lastwagen elektrisch zu betreiben, sind batterieelektrische Antriebe keine wirklich überzeugende Lösung, da diese Technik nach gewaltig dimensionierten Akkus verlangt. Eine Alternative ist Strom aus Oberleitungen, wie diese seit Anfang Mai im Rahmen eines Pilotprojekts auf einem fünf Kilometer langen Teilstück der Autobahn A5 zur Verfügung stehen. Um diese Oberleitungen zu nutzen, braucht es allerdings Lkw wie den Scania R 450 Hybrid, der dank einer speziell abgestimmten Hybridtechnik per Oberleitung oder über die Batterie elektrisch fahren kann. Doch bislang wird er vornehmlich von einem klassischen Diesel angetrieben.

Ohne Oberleitung kann der R 450 Hybrid nur kurze Strecken elektrisch fahren, da er eine 18,5 kWh großen Batteriepuffer mit einer nutzbaren Energie von 7,4 kWh hat. Laut Scania eine erlaubt dieser Speicher eine batterieelektrische Reichweite von 10 bis 15 Kilometer. Für den elektrischen Vortrieb ist ein 130 kW/177 PS und 1.050 Newtonmeter starker E-Motor verantwortlich. Der soll vor allem mit dem Strom aus Oberleitungen den Lkw antreiben. Zunächst wird der Scania mit Hilfe des 450 PS starken 13-Liter-Verbrennungsmotor zur Autobahn fahren.

Sobald er dort eine Spur mit elektrischer Fahrleitung findet, wird jedoch auf E-Antrieb umgeschaltet. Ein Sensor erkennt die Oberleitung, was wiederum das automatische Ausfahren des sogenannten Pantografen veranlasst. Steht die Verbindung zur Stromleitung, wird elektrisch gefahren. Parallel wird dabei außerdem - auch über die Rückgewinnung von Bremsenergie - die Batterie geladen. Sollte die Oberleitung enden, kann der Laster noch einige Kilometer mit Hilfe der Batterie fahren, ansonsten sorgt der Diesel für Vortrieb.

Auch Überholmanöver sind kein Problem. Sobald der Lkw-Fahrer den Blinker zum Verlassen der Spur setzt, wird der auf dem Dach des Führerhauses montierte Pantograf eingefahren. Hat der Lkw die Spur mit Oberleitung verlassen, ist zwischenzeitlich batterieelektrisches Fahren möglich, bis der Laster wieder auf den elektrifizierten Fahrstreifen zurückkehrt.

Praktische Erfahrungen mit dem R 450 Hybrid hat seit einigen Wochen die Spedition Schanz aus Ober-Ramstadt gesammelt. Auf dem Weg vom Firmensitz nach Frankfurt-Ost passiert der Teilzeitstromer von Scania auch den fünf Kilometer langen Oberleitungsabschnitt der A5. Nach rund 1.000 Kilometern konnte der Oberleitungs-Laster bislang dank dieser Oberleitungsstrecke gut 10 Prozent an Kraftstoffeinsparungen realisieren. Das erscheint wenig, doch für die Zukunft sieht die VW-Tochter Scania deutlich mehr Einsparpotenzial. Ein erklärtes Fernziel ist der Einsatz rein elektrischer Lkw auch über längere Strecken, sofern ein entsprechendes Oberleitungsnetz auf deutschen Autobahnen entsteht.

Das müsste nicht einmal engmaschig für alle Autobahnen aufgebaut werden, denn 70 Prozent des Güterverkehrs auf der Straße wird auf lediglich 4.000 Autobahnkilometern bewegt. Auf diesen könnten dann jeweils 15 Kilometer lange Teilstücke reichen, da sich auf diesen dann moderat vergrößerten Batterien für 50 batterieelektrisch gefahrene Kilometer aufladen. Doch selbst ein solch smartes Netz scheint in weiter Ferne. Bis 2022 sind zunächst lediglich zwei weitere Teststrecken auf der A1 in Schleswig-Holstein und der B 462 bei Rastatt geplant.

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