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Elektromobilität in den Mangrovenwäldern Kolumbiens

| Redakteur: Benjamin Kirchbeck

Zwei Forscher statteten eine Fischergemeinde in den Mangrovenwäldern Kolumbiens mit Torqeedo Elektromotoren für ihre Boote aus. Die Einheimischen nutzen nun Hightech-Mobilität, um in den Sümpfen auf die Suche nach Herzmuscheln zu gehen. Wie verändert das ihren Alltag? Und: Ist es möglich, den Lebensstandard zu verbessern und gleichzeitig die Umwelt zu schützen?

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„Uns ist schnell aufgefallen, dass die Frauen offener für Innovationen sind. Außerdem schienen sie uns vorsichtiger mit den Motoren umzugehen“, sagt Stefan Sorge. Hinzu komme, dass Frauen besonders stark unter Armut und Unsicherheit litten und deshalb eher bereit seien, etwas zu verändern.
„Uns ist schnell aufgefallen, dass die Frauen offener für Innovationen sind. Außerdem schienen sie uns vorsichtiger mit den Motoren umzugehen“, sagt Stefan Sorge. Hinzu komme, dass Frauen besonders stark unter Armut und Unsicherheit litten und deshalb eher bereit seien, etwas zu verändern.
(Bild: Torqeedo )

Als Gordon Wilmsmeier und Stefan Sorge das erste Mal mit einem elektrischen Außenbordmotor in die kolumbianischen Mangrovenwälder fuhren, schauten die Einheimischen sie an, als seien sie verrückt geworden. Männer, Frauen, Kinder und Alte umringten das merkwürdige Objekt, das die beiden Besucher aus Deutschland mitgebracht hatten: Ernsthaft – ein Motor, betrieben nur mit Strom, sollte ihre Boote durch die Sümpfe bewegen? Ein Ding, das an einen Ventilator oder Computer erinnert und keinerlei Krach macht? Hat das überhaupt genug Power?

Die beiden Forscher wollen herausfinden, wie Menschen in wirtschaftlich armen, abgelegenen und ökologisch hochsensiblen Gegenden nachhaltig wirtschaften können. Wie schützt man die Natur und verbessert gleichzeitig die Lebensbedingungen? Und wie lässt sich die Bevölkerung bei der Entwicklung von Lösungsansätzen miteinbeziehen?

Paradies? Kommt darauf an, wen man fragt

Gordon Wilmsmeier ist Professor und leitet den Stiftungslehrstuhl für Logistik der Kühne-Stiftung an der Universidad de los Andes in Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens. Stefan Sorge bezeichnet sich selbst als „eine Mischung aus Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler“ und arbeitet an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Kennengelernt haben sich die beiden in einer Kneipe in Santiago de Chile. Eine flüchtige Bekanntschaft, aus der das international viel beachtete Entwicklungsprojekt „InnoPiangua“ entstand. Projektpartner der Universidad de los Andes und der HTW Berlin sind öffentliche Institutionen wie die kolumbianische Fischereibehörde (AUNAP) und Umwelt-NGOs wie der WWF und die Fundación Calidris. Unterstützt wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und durch das kolumbianische Wirtschaftsförderprogramm „Innpulsa“.

Die Region an der kolumbianischen Pazifikküste zählt zu den artenreichsten der Welt. Es ist das größte Einzugsgebiet von Zugvögeln in Amerika. Über 300 teils endemische Vogelarten leben rund um die Gemeinden Guapi und Iscuandé, etwa der bunte Tanager und die Kastanienwachtel. Klingt wie ein Paradies. Aber die Siedlungen der Region leiden unter massiver Armut und sind oftmals geprägt von Kriminalität. Früher spielten Drogen eine Rolle, heute ist es vor allem der illegale Goldabbau. Die Bewohner der Mangrovenwälder leben weitestgehend abgeschieden in ihren Stelzenhäusern, Strom liefern Dieselgeneratoren nur für wenige Stunden am Tag, Handy- und Internetempfang gibt sehr eingeschränkt und oft gar nicht. „Innovationen kommen hier oft nicht an“, sagt Wilmsmeier.

Lebensgrundlage in der Region ist der Fischfang. Die Dschungelbewohner legen ihre Netze im Rio Iscuandé, im Rio Guapi und in einigen der Nebenflüsse aus, fahren hinauf zum Pazifik oder sammeln Piangua, eine Herzmuschelart, die im Schlamm der Mangrovenwälder zu finden ist. Die Boote werden mit traditionellen Außenbordmotoren angetrieben. Allerdings ist der Treibstoff so teuer, dass sie mit dem Fischfang kaum Gewinn erzielen. Und die Natur, die Lebensgrundlage der hier lebenden Menschen, wird verunreinigt. Das Forscherteam war überzeugt, dass Elektroaußenborder eine mögliche Lösung darstellen könnten, suchte nach einem Kooperationspartner und wandte sich auch an Torqeedo.

„Wir waren sofort begeistert von dem Engagement“, sagt Lukas Timcke, selbst Kolumbianer und Südamerika-Koordinator beim Weltmarktführer für elektrische Bootsantriebe aus Bayern. Torqeedo hatte bereits Erfahrungen mit vergleichbaren Projekten in der Region gesammelt und zum Beispiel eine mit Solarenergie betriebene Fähre im ecuadorianischen Teil des Amazonas mit einem ihrer Elektromotoren ausgestattet. „Es ist uns wichtig, nachhaltige Entwicklungsarbeit zu unterstützen“, sagt Timcke. „Aber wir sind natürlich keine Hilfsorganisation. Es geht auch darum, der Konkurrenz einen Schritt voraus zu sein und neue Geschäftsfelder zu eröffnen.“ Torqeedo spendete fünf elektrische Außenbordmotoren der Modellreihen Travel 1003 und Cruise 2.0 für das Projekt. Im Mai 2018 trafen die ersten Motoren in den Dörfern ein. Heute, knapp zwei Jahre später, sind vier Elektroantriebe tagtäglich im Einsatz, während sich einer als Back-up in Bogotá befindet. Und der örtliche Tankstellenwart denkt darüber nach, auf Elektriker umzuschulen.

„Einfach installieren und los geht's!“

Wie ist es den zwei Forschern gelungen, die anfangs so große Skepsis der Menschen vor Ort gegenüber der modernen Technik abzubauen? Wilmsmeier sagt, es sei wichtig gewesen, die Einwohner schnell mit den Motoren in Kontakt zu bringen. „Wir haben gesagt: ‚Hier, nimm mal mit, bau mal an dein Boot, fahr mal.‘ Wir haben nicht 50-mal erklärt, was alles nicht geht. Die Leute sollten es selbst herausfinden.“ Das Forscherteam wollte die Menschen in Kolumbien nicht von oben herab belehren, sondern ihnen das Gefühl geben, dass sie tatsächlich den Kurs selbst bestimmen können. Dabei hilft natürlich, dass man die Elektromotoren mit wenigen Handgriffen an verschiedenen Bootstypen befestigen kann und sie intuitiv zu bedienen sind. Die Universität erstellte Bildversionen der Servicehandbücher mit leicht verständlichen Illustrationen für den Gebrauch und die Wartung der Motoren.

Die Muschelfischerinnen waren die ersten, die die neue Technologie testen konnten. „Uns ist schnell aufgefallen, dass die Frauen offener für Innovationen sind. Außerdem schienen sie uns vorsichtiger mit den Motoren umzugehen“, sagt Sorge. Hinzu komme, dass Frauen besonders stark unter Armut und Unsicherheit litten und deshalb eher bereit seien, etwas zu verändern. Die Herzmuschel ist ein wichtiger Bestandteil der regionalen pazifischen Küche. Die Fischerinnen verkauften ihren Fang bislang vorwiegend an Händler, die den Schwarzmarkt Ecuadors bedienen (die dortigen Piangua-Populationen wurden dezimiert, als viele Mangrovenwälder in Shrimp-Farmen umgewandelt wurden). Um 100 Muscheln zu fangen, sind die Fischerinnen etwa vier Stunden unterwegs, suchen den schlammigen Untergrund rund um die Mangrovenbäume mit den Händen ab. Der Lohn: fünf Euro. Die Benzinkosten für die Boote lagen bei etwa vier Euro. Heute teilen sich 25 Muschelfischerinnen die vier Elektromotoren. Die Motoren hätten den Gewinn um 40 Prozent gesteigert, sagt Wilmsmeier. Zwar wurde der Strom für die Elektroaußenborder zunächst mit Generatoren gewonnen, die das Benzin jedoch deutlich effizienter in Energie umwandelten als die alten Zweitakter. Eine Win-win-Situation. Steigt der Gewinn, müssen die Frauen nicht so viele Muscheln ernten – und das kommt wiederum dem Artenschutz zugute.

Muschelfischerinnen und die Wissenschaftler versuchen außerdem, neue, zahlungskräftige Abnehmer für die Muscheln zu gewinnen: kolumbianische Spitzengastronomen. Dabei hilft ihnen Leonor Espinosa, die bekannteste Köchin des Landes, die von allen nur „Leo“ genannt wird. Espinosa lud bereits zu einem Event, auf dem sie mit Kollegen neue Herzmuschelgerichte kreierte und über die Produktqualität diskutierte. Spitzenköche wie Rey Guerrero wünschen sich lebendige, möglichst große Muscheln für ihre Gerichte und wollen den Ursprung der Produkte kennen. Wilmsmeier und Sorge sind bereits mit Start-ups in Kontakt, die auf nachhaltige Logistik spezialisiert sind und die Muscheln aus den Sümpfen ins etwa 1.000 Kilometer entfernte Bogotá transportieren sollen.

In Zukunft könnten so auch Krebse, Welse oder Barsche ins Landesinnere transportiert werden. Angesichts der finanziellen Vorteile der Frauen zeigen auch die Männer der Siedlungen um Guapi immer mehr Interesse am neuen Wirtschaftskreislauf. Und sie wollen von Wilmsmeier und Sorge wissen, ob die Elektromotoren in der Lage seien, ihre schweren, bis zu 800 Meter langen Netze zu ziehen. Bei ihrem letzten Besuch befestigten die Wissenschaftler einen Torqeedo Cruise Elektromotor an einem Boot und fuhren hinaus auf den breiten Rio Guapi, um zu demonstrieren, dass das kein Problem ist.

Besuch beim Botschafter

„Es ist unglaublich, wie sich alles entwickelt hat“, sagt Wilmsmeier. Als er und Sorge im Mai 2019 in Berlin Studierenden ihr Projekt vorstellten, wurden sie zuvor beim kolumbianischen Botschafter empfangen: Falls er irgendetwas für sie tun könne, sollten sie sich doch bitte bei ihm melden. Ein gutes Gefühl: Es geht voran. Natürlich wiegen vier Elektromotoren nicht die Tausenden Benziner auf, die durch die Mangrovenwälder knattern. Aber man muss irgendwo anfangen. Im Februar wurde in der Region mit der Installation von Solarzellenplatten begonnen. Torqeedo entwickelte einen speziellen Ladeprototyp für die Anwendung und stellte Solarpanels für die Cruise und Travel Motoren zur Verfügung. Derzeit sind die Motoren täglich im Einsatz und werden mit sauberer, unbegrenzter erneuerbarer Energie betrieben. Und der Einsatz von erneuerbaren Energien steigert natürlich auch den Gewinn der Fischerinnen.

Wilmsmeier und Sorge denken in größeren Zusammenhängen und träumen von Nationalparks, in denen die Menschen auch ohne fossile Brennstoffe mobil sind und ausreichend Energie haben. Und sie arbeiten daran, dass die Kleinfischer mehr Geld verdienen, ohne die CO2-Emissionen zu steigern. In Iscuandé haben sie gesehen, dass es möglich ist. Die kolumbianische Fischereibehörde hat bereits die Arbeitsgruppe „Nautische Elektromobilität“ eingerichtet. Wilmsmeier sagt: „Wir wollen zeigen, wie offen und modern die Menschen in Regionen arbeiten, die sonst oft übersehen werden. Es ist durchaus möglich, dass sogenannte Entwicklungsländer die Industrienationen eines Tages im Bereich Elektromobilität überholen.“

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