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E-Mobilität: Keine Belohnungen ohne Risiken

| Redakteur: Benjamin Kirchbeck

Es gibt nicht einmal mehr eine Debatte darüber, ob Elektrofahrzeuge die Zukunft der Mobilität sind. Aber neue Technologien kommen selten ohne neue Herausforderungen. Welche Risiken bergen diese Vorboten grüner Mobilität für uns?

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China ist mit rund 45% der weltweit größte Markt für E-Fahrzeuge, während ein Viertel in Europa und 22% in den USA liegt. Norwegen ist jedoch weltweit führend in Bezug auf die Akzeptanz - E-Autos machten 2019 56% aller Neuwagenverkäufe aus.
China ist mit rund 45% der weltweit größte Markt für E-Fahrzeuge, während ein Viertel in Europa und 22% in den USA liegt. Norwegen ist jedoch weltweit führend in Bezug auf die Akzeptanz - E-Autos machten 2019 56% aller Neuwagenverkäufe aus.
(Bild: Clipdealer)

Das Coronavirus traf uns wie ein Keulenschlag. Unnötig zu sagen, dass die menschlichen Kosten des Covid-19-Ausbruchs enorm sind. Aber als die Pandemie die Menschen über einen längeren Zeitraum von den Straßen fern hielt, legte sie die Auswirkungen menschlicher Aktivitäten auf die Umwelt offen. Über die sozialen Medien wurden Bilder davon verbreitet, mit Kommentaren, die laut nach Umweltschutz riefen. Dennoch erwartet wohl kaum jemand, dass die Menschen alle Aktivitäten ruhen lassen, nur um die Lungen des Planeten wieder zu beleben.

Was jedoch eine der Auswirkungen der Pandemie sein könnte, ist eine schnellere Umstellung auf umweltfreundliche Alternativen - nicht zuletzt auf Elektrofahrzeuge als Ersatz für klassische Verbrenner. Bis 2030 werden weltweit über 100 Millionen Elektroautos auf den Straßen erwartet, verglichen mit etwa 7 Millionen heute. Vor dem Hintergrund des Klimawandels wollen die Regierungen sie ebenso sehr wie die Verbraucher.

Eine Errungenschaft kommt selten ohne Schmerzen

Elektrische Mobilität wird uns neue Risiken und Chancen bescheren. Was ist also ein Elektrofahrzeug? - Ein modisches Konzept? Der Geburtstagswunsch eines Umweltschützers? Die Zukunft der Mobilität? Je nach Interpretation ist es wohl ein bisschen etwas von allem und noch mehr.

In ihrer einfachsten Form gibt es Elektroautos seit nun fast zwei Jahrhunderten. Die ersten Fabrikate wurden in den späten 1800er Jahren entwickelt. Bis zur Jahrhundertwende war fast ein Drittel der Autos in den USA elektrisch angetrieben und verkaufte sich damit besser als Verbrennungsfahrzeuge. Allerdings traten Elektroautos im 20. Jahrhundert gegenüber Benzinfahrzeugen in den Hintergrund, da Öl billiger und leicht zugänglich wurde.

Nachdem sie eine Weile ein Schattendasein gefristet hatten, haben sich die Elektroautos wieder rasant auf den Weg gemacht. Ende 2019 waren weltweit rund 7,5 Millionen Elektrofahrzeuge in Betrieb, gegenüber 5,1 Millionen im Jahr 2018. 2020 sollte ein entscheidendes Jahr für den Elektroauto-Verkauf werden. Allein in Europa wurde ein Verkaufspotenzial von 1 Million gesehen - bis Covid-19 eine Geschwindigkeitsbegrenzung setzte.

Es geht voran

Manchmal langsamer, manchmal schneller - die Einführung von Elektrofahrzeugen ist ein globales Phänomen. China dominiert derzeit den Markt und besitzt bis zu 45 Prozent der weltweiten Elektroautoflotte. Europa liegt mit 24 Prozent an zweiter und die Vereinigten Staaten mit 22 Prozent an dritter Stelle. Norwegen verdient hier eine besondere Erwähnung - im Jahr 2019 machten Elektroautos bis zu 56 Prozent aller Neuwagenverkäufe in dem skandinavischen Land aus, angetrieben durch großzügige staatliche Anreize!

In der jüngsten Vergangenheit haben sinkende Kosten und neue Modelle Elektrofahrzeuge für die Verbraucher attraktiver gemacht. Aber der USP von Elektroautos liegt hauptsächlich in ihrem Kohlendioxid-Fußabdruck. Die Emissionen eines Elektroautos sind schätzungsweise 17-30 Prozent niedriger als die von Benzin- und Dieselfahrzeugen. Wenn der Anteil an erneuerbaren Energien weiter steigt, könnten die Emissionen bis 2050 um fast 73 Prozent sinken.

Deshalb teilen Regierungen gerne ihren Enthusiasmus mit den E-Mobilitätsexperten, wenn es darum geht, ihre Verpflichtungen aus dem Pariser Abkommen zum Klimawandel zu erfüllen. Ein Beispiel: Die EU hat im vergangenen Jahr ihre Emissionsziele für neue Autos verschärft - 15 Prozent weniger bis 2025 und 37 Prozent weniger bis 2030. Wenn die Einführung von Elektrofahrzeugen wie erwartet weitergeht, könnte die Ölnachfrage bis 2030 um 127 Millionen Tonnen sinken. Das sind etwa 2,5 Millionen Barrel pro Tag!

Sollten die ehrgeizigeren Ziele erreicht werden - wie exemplarisch die EV30@30-Kampagne, wonach im Jahr 2030 30 Prozent der jährlich verkauften Fahrzeuge Elektroautos sein sollen - könnten bis dahin sogar 200 Millionen Elektroautos auf den Straßen unterwegs sein, angetrieben durch das Wachstum in China, Europa, Japan, Kanada, den USA und Indien.

Unebenheiten vorprogrammiert

Wie alles Neue bringt auch ein Elektroauto eigene Herausforderungen mit sich. Eines der größten Risiken kann im Herzen des Elektroautos liegen. Batterielebensdauer und -leistung bleiben vorerst kritische Themen. Hinzu kommt, dass die Batterie eine äußerst teure Komponente ist. Obwohl es kaum Belege dafür gibt, dass Elektroautos bei einem Unfall anfälliger für Schäden sind als herkömmliche Autos, können Schäden an der Batterie eine viel höhere Rechnung verursachen. "Wenn die Batterie in einem Elektroauto ersetzt werden muss, kann dies in vielen Fällen in einem Totalschaden resultieren", sagt Carsten Reinkemeyer, Leiter der Fahrzeugtechnik und Sicherheitsforschung am Allianz Zentrum für Technik (AZT) Automotive. "Außerdem können die Fahrzeuge meist nur in spezialisierten Werkstätten repariert werden. Das kann zu höheren Kosten führen.

Eine weitere Gefahr stellt ein Brand dar. Abgesehen davon, dass sie schwer einzudämmen sind, können Brände von Hochspannungsbatterien große Mengen toxischer Gase freisetzen. Doch geht hier Wahrnehmung und Realität hinsichtlich der Häufigkeit auseinander: "Unsere Analyse der gemeldeten Schäden von Elektrofahrzeugen bestätigt nicht, dass die Technologie unsicher ist. Ein unfallbedingter Brand wird jedoch viel häufiger für Elektroautos veröffentlicht als für konventionelle Autos – aber das liegt daran, dass dies aus Sicht der Medien berichtenswerter ist", bilanziert Reinkemeyer.

Obwohl Elektrofahrzeuge umweltfreundlicher sind, stellen sie auch ein potenzielles Haftungs- und Reputationsrisiko für Unternehmen in Bezug auf die Umwelt dar. Die nachhaltige Beschaffung von kritischen Komponenten und Rohstoffen sowie das Recycling und die Wiederverwendung von Rohstoffen sind wichtige Themen für Autohersteller, wenn die Produktion weiter ausgebaut wird.

Geschwindigkeit mag eine attraktive Eigenschaft für ein Auto sein, aber wenn es um den Prozess der Herstellung von Autos geht, kann sie zu Fehlentscheidungen führen. Unter dem Druck, den Übergang zur E-Mobilität zu beschleunigen, sehen sich die Hersteller potenziellen Produktrückrufen gegenüber, wenn die Kombination aus neuer Technologie, kurzen Entwicklungszyklen und 3D/4D-Druck in der Produktion Qualitätslücken verursacht.

"Darüber hinaus werden Elektrofahrzeuge aus weniger, aber stärker integrierten Teilen und Komponenten bestehen. Was früher vielleicht drei Teile in einem konventionellen Auto waren, kann heute ein Teil in einem Elektroauto sein. Die geringere Anzahl von Teilen wird jedoch zunehmend durch Sensoren und Software verbunden, was eine neue Ebene der Komplexität hinzufügt und Fragen darüber aufwirft, wie diese Teile zusammenwirken und welcher Hersteller oder Lieferant für einen potenziellen Defekt oder eine fehlerhafte Steuerung haftet", sagt Daphne Ricken, Senior Underwriter Liability bei AGCS. "Die zunehmende Komplexität der Automobil-Lieferkette und die Abhängigkeit von Software- und Technologieherstellern wird zu neuen Risiken und geteilten Haftungen in der Wertschöpfungskette führen.

Der Weg zur E-Mobilität ist nicht ohne Bremsspuren - vor allem im Zusammenhang mit Energiequellen und Ladeinfrastruktur. Mehr Elektroautos auf der Straße bedeuten einen höheren Stromverbrauch. Wenn die Schätzungen für die E-Flotte im Jahr 2030 erfüllt werden, benötigen wir fast 640 Terawattstunden (TWh), um sie mit Strom zu versorgen. Wenn Elektroautos bis dahin 30 Prozent aller Fahrzeuge ausmachen, würde der Bedarf auf 1.110 TWh steigen. Zum Kontext: Man muss

22.000 Gallonen Heizöl oder 150 Tonnen Kohle verbrennen, um 1 Terawatt Strom zu erzeugen.

Darüber hinaus muss die Strominfrastruktur so angepasst werden, dass Hochspannungs-Ladepunkte für Wohnungen und öffentliche Bereiche zur Verfügung stehen. Die mit Batterien verbundenen Brand- und Explosionsrisiken stellen eine Gefahr für Gewerbeimmobilien dar, insbesondere wenn viele Autos in Tiefgaragen aufgeladen werden. Wie schon gesagt, es gibt Risiken und es gibt Chancen.

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