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Virtual Reality in der Automobilbranche Darf es auch eine Probefahrt auf dem Sofa sein?

| Redakteur: Benjamin Kirchbeck

Das Einsatzspektrum von Virtual- und Mixed-Reality-Systemen in der Automobilbranche weitet sich stetig aus. Das bekannteste Beispiel ist der virtuelle Showroom, doch VW und Co haben noch viel mehr vor.

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"Realistische Eindrücke von den Fahrzeugeigenschaften würden sich dank Virtual Reality an nahezu jeden Ort vermitteln lassen", meint Jeffrey Nowak, Global Digital Experience Chief von Ford.
(Bild: Ford AG)

Innovation in VWs Virtual Engineering Lab

Manch einer sieht bei VW, mitsamt seinen Tochterfirmen, keinen Vorsprung durch Technik, sondern merkt zynisch an, dass es doch nur Vorsprung durch Betrug wäre. Dass dem nicht so sein muss, beweist der größte Autobauer der Welt in seinem Virtual Engineering Lab.

Zwei Dutzend Bildschirme leuchten, einige zeigen Grafiken, auf anderen flimmern hunderte von Code-Zeilen. Mitten im Raum steht ein Golf-Modell aus Plastilin im Maßstab 1:4. Frank Ostermann, Diplom-Ingenieur für Technische Informatik, mustert das Modell, dann wechselt er die Räder, tauscht die Rückleuchten, modifiziert die Außenspiegel.

Die Software hierfür wurde im Virtual Engineering Lab entwickelt. Der mobile Microsoft-Rechner projiziert virtuelle Inhalte durch Gestensteuerung und Sprachbefehle auf ein physisches Objekt. Ein Fingerzeig von Ostermann genügt, sofort wirft die HoloLens eine andere Lackfarbe auf den Golf, dann baut sie andere Räder an und verändert die Stoßfänger. Der Golf ist zunächst ein R-Line-Modell, dann eine völlig neue Version.

Doch warum das Ganze? Augmented und Virtual Reality helfen, Zeit und Entwicklungskosten zu sparen. Arbeitsschritte können, wie zum Beispiel mit der HoloLens-Software aus dem Virtual Engineering Lab, schneller und effizienter gestaltet werden.

Mixed-Reality-System bei BMW

Was in Wolfsburg funktioniert, klappt auch in München. BMW hat im vergangenen Jahr ein konsequent aus Komponenten der Computerspiele-Industrie entwickeltes Mixed-Reality-System in der Fahrzeugentwicklung eingeführt. Der Vorteil: Bislang konnten Virtual-Reality-Untersuchungen nur an teuren Spezialanlagen durchgeführt werden. Durch den Einsatz von Consumer Electronic gewinnen die Entwickler mehr Flexibilität, da die Änderungen sehr schnell umgesetzt und getestet werden können.

Seit den 90er Jahren setzt BMW bereits VR-Systeme im Entwicklungsprozess ein, nun will man beim bayerischen Autobauer den nächsten Schritt in Form eines Mixed-Reality-Systems gehen. Damit ist es möglich, Fahrten durch eine Großstadt zu simulieren und dabei zu testen, wie die Rundumsicht auf die Umgebung ist, oder ob ein Display je nach Blickwinkel oder Sitzposition schwer zu erkennen oder zu erreichen ist. Der Entwicklungsingenieur hat dabei die Illusion, in einem realen Auto in einer realen Verkehrssituation zu sitzen.

Optische Eindrücke alleine reichen jedoch nicht aus, weshalb BMW einen wiederverwendbaren Interieuraufbau einsetzt, der durch die Verwendung von Rapid Prototyping zusätzlich die Wahrnehmung im Sinne einer Mixed Reality unterstützt. Darunter versteht man die intelligente Kombination von tatsächlich fühlbaren Oberflächen und Bedienelementen mit der virtuellen Realität.

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Vor allem die kleinen Volvo-Händler profitieren

Der schwedische Autobauer Volvo treibt währenddessen seine Vision vom fahrzeugfreien Showroom voran. Die ersten Feldversuche startete Volvo bereits vor zwei Jahren mit dem Oberklasse-Modell S90. Dieser konnte bereits vor der Markteinführung virtuell begutachtet werden.

Die Schweden stellten Microsoft hierfür sämtliche Konstruktionsdaten zur Verfügung. Fortan konnten die Interessenten per Fingerschnipp die Fahrzeugfarbe wechseln oder einen Blick in das Cockpit werfen. Auch die Bodengruppe konnte auf Wunsch näher inspiziert werden.

Für Volvo ist dabei entscheidend, dass selbst der kleinste Händler, zukünftig alle Fahrzeugtypen in jeder erdenklichen Ausstattungsvariante präsentieren kann. Wie bei BMW setzt man bei Volvo auf Mixed Reality: „Mixed Reality hilft dem Kunden dabei, ein Fahrzeug exakt nach seinen Vorstellungen zusammenzustellen, Farben und Felgen zu vergleichen und besondere Eigenschaften, Services und Optionen kennenzulernen“, sagt Björn Annwall, Volvos Senior Vice President für Verkauf, Marketing und Service.

Dass die Fahrzeuge jedoch zeitnah komplett verschwinden glaubt man bei Volvo jedoch dennoch nicht. Zu wichtig sei am Ende noch immer der reale Eindruck. Vor allem auf Probefahrten würden die Kunden nicht verzichten wollen.

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