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Daimler und Audi: Abgas-Affäre erreicht neuen Höhepunkt

| Redakteur: Benjamin Kirchbeck

Daimler-Boss Dieter Zetsche sagte nach dem Treffen mit Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), man werde sich „unverzüglich“ um die Software der betroffenen Fahrzeuge kümmern. Zugleich kündigte er Widerspruch an.
Daimler-Boss Dieter Zetsche sagte nach dem Treffen mit Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), man werde sich „unverzüglich“ um die Software der betroffenen Fahrzeuge kümmern. Zugleich kündigte er Widerspruch an. (Bild: Daimler)

Illegal oder nicht? Die Behörden und Daimler streiten um die Abgasreinigung in den Diesel-Autos von Mercedes. Das zweite Treffen von Verkehrsminister Scheuer und Daimler-Boss Zetsche bringt den Autobauer nun schwer in die Bredouille. Währenddessen geraten weitere Audi-Topmanager ins Visier der Justiz – darunter Audi-Chef Rupert Stadler.

Der Pflichtrückruf für Hunderttausende Diesel von Daimler ist ein weiteres Kapitel im Abgas-Skandal, und sicher nicht das letzte. Daimler muss wegen des Vorwurfs einer unzulässigen Abgastechnik europaweit 774.000 Fahrzeuge zurückrufen, darunter 238.000 in Deutschland. Dies werde das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) unverzüglich anordnen, sagte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) am Montag nach einem Gespräch mit Konzernchef Dieter Zetsche in Berlin. Daimler will den Rückruf umsetzen, kündigte aber einen Widerspruch an.

Daimler: Maximales Abarbeitungstempo und kooperative Transparenz

Bei Daimler dehnt sich der Verdacht jetzt auf häufig verkaufte Volumen-Modelle von Mercedes aus. Betroffen sind laut Ministerium der sportliche Geländewagen GLC 220d und ein Modell der C-Klasse (C 220d). Bis auf wenige Ausnahmen sind die Autos nach Konzernangaben in drei Millionen Diesel enthalten, für die Daimler ohnehin schon ein freiwilliges Update der Motor-Software angekündigt hatte.

Bisher hatte das KBA für den Mercedes-Kleintransporter Vito 1,6 Liter mit der neuen Norm Euro 6 eine unzulässige Abschalteinrichtung der Abgasreinigung festgestellt und einen Rückruf angeordnet - betroffen sind weltweit 4.900 Fahrzeuge, darunter gut 1.370 in Deutschland. Daimler hatte auch diesem Vorwurf widersprochen.

Zetsche sagte beim Verlassen des Ministeriums, man werde sich „unverzüglich“ um die Software der betroffenen Fahrzeuge kümmern. Zugleich kündigte er Widerspruch an, um die rechtlichen Fragen zu klären. Nach Scheuers Worten hat Daimler erklärt, „dass mit maximalem Abarbeitungstempo und in kooperativer Transparenz mit den Behörden die vom Bund beanstandeten Applikationen in der Motorsteuerung beseitigt werden.“ Scheuer hatte Zetsche bereits vor zwei Wochen zu einem ersten Gespräch geladen, um mehr Informationen zu bekommen.

Unter den Daimler-Beschäftigten sorgen die Diesel-Vorwürfe laut Betriebsrat zunehmend für Unruhe. „Ihre größte Sorge ist, dass rund um das Thema Abgas noch viel mehr auf den Tisch kommen könnte als bisher bekannt“, sagte der Betriebsratsvorsitzende des Motorenwerks in Untertürkheim, Wolfgang Nieke, den „Stuttgarter Nachrichten“ und der „Stuttgarter Zeitung“ (Dienstag). Zetsche habe anfangs gesagt, dass bei Daimler nicht betrogen werde - darauf hätten sich die Beschäftigten verlassen. Bei Betriebsversammlungen um den 20. Juni herum würden die Beschäftigten Antworten hören wollen.

Audi-Boss Stadler im Visier

Im VW-Konzern rückt nun auch Audi-Chef Rupert Stadler in den Fokus der Ermittler. Die Münchner Staatsanwaltschaft leitete ein Verfahren den Unternehmenschef sowie ein weiteres Vorstandsmitglied ein. Zur Sicherung von Beweismaterial seien beider Privatwohnungen durchsucht worden, teilte die Staatsanwaltschaft am Montag mit. Sie legt ihnen „Betrug sowie mittelbare Falschbeurkundung zur Last“. Die beiden hätten Dieselautos mit manipulierter Abgasreinigung in Europa in den Verkehr gebracht. Die Zahl der Beschuldigten sei damit auf 20 gestiegen. Stadler ist seit elf Jahren Audi-Chef.

Beim Mutterkonzern Volkswagen hieß es, es gelte weiterhin die Unschuldsvermutung. Ein Audi-Sprecher sagte in Ingolstadt: „Wir kooperieren vollumfänglich mit der Staatsanwaltschaft.“ Stadler soll nach der Aufdeckung der Manipulationen in den USA von falschen Abgaswerten auch in Europa gewusst haben, aber anders als in den USA keinen Vertriebsstopp angeordnet haben. Die Ermittler stützten sich auf die Auswertung von Korrespondenz, verlautete aus Ermittlerkreisen. Im März 2017 und im Februar 2018 hatte es in der Audi-Zentrale in Ingolstadt und im Werk Neckarsulm Razzien gegeben. Audi soll in den USA und Europa von 2009 an rund 220.000 Dieselautos mit Schummelsoftware verkauft haben.

Die Verbraucherzentralen forderten ein Ende der „Salamitaktik“ im Abgas-Skandal. „Es kann nicht sein, dass ein Autokonzern nach dem anderen mit jahrelanger Verzögerung und erst nach Detektivarbeit entlarvt wird“, sagte der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Klaus Müller. Scheuer müsse „die Daumenschrauben anziehen“. Daimler müsse Garantien abgeben, dass die Umrüstungen sinnvoll seien und keinen Schaden nach sich zögen.

Opposition fordert härteres Durchgreifen gegen Autokonzerne

Auch die Opposition im Bundestag fordert härtere Konsequenzen. Der angekündigte Pflichtrückruf für Hunderttausende Diesel von Daimler gehe nicht weit genug. Grüne und Linke forderten ein härteres Durchgreifen der Bundesregierung gegen die Autokonzerne und mehr Transparenz. „Jetzt wird wieder nur ein Bruchteil der betroffenen Daimler-Diesel zurückgerufen. Der Verkehrsminister greift wieder nicht durch und verhängt außerdem keine Bußgelder“, sagte Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer der Deutschen Presse-Agentur. Fraktionschef Anton Hofreiter kritisierte den Rückruf in der “Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Dienstag) als “Show“.

“Software-Updates sind nur kosmetische Reparaturen und zudem die kostengünstigste Lösung für die Autoindustrie, kritisierte die verkehrspolitische Sprecherin der Linken, Ingrid Remmers. “Wo bleiben die strafrechtlichen Konsequenzen für die Autoindustrie aus dem fortwährenden Dieselskandal?“ Trotz ständiger Enthüllungen beim Abgasskandal zeige sich die Bundesregierung als Schutzengel der Autoindustrie. Remmers forderte Bußgelder und verpflichtende Nachrüstungen am Motor. “Die Zukunft der Schlüsselindustrie der deutschen Wirtschaft und damit tausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel“, sagte sie.

Grünen-Politiker Krischer warf Scheuer Gutgläubigkeit vor. Daimler-Chef Zetsche habe ihn “genau wie seinen Vorgänger hinter die Fichte geführt“, sagte er mit Blick auf Alexander Dobrindt (CSU), zu dessen Amtszeit der Skandal um manipulierte Abgasreinigungen in Dieselautos bekannt wurde.

Hofreiter forderte eine “andere Verkehrspolitik“ mit Hardware-Nachrüstungen auf Kosten der Autoindustrie, einer blauen Plakette für relativ saubere Autos und “Rückenwind“ für den Öffentlichen Personennahverkehr. Zudem müsse Scheuer “sämtliche Manipulationen und sämtliche Absprachen zwischen Ministerium und Autoindustrie“ veröffentlichen. “Die Mauscheleien müssen endlich ein Ende haben“, sagte Hofreiter der “Neuen Osnabrücker Zeitung“.

dpa

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posted am 12.06.2018 um 10:23 von Unregistriert


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