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Autonomes Fahren – Revolution mit Nebenwirkungen?

| Redakteur: Benjamin Kirchbeck

Lesen, das Smartphone verwenden oder gar Schlafen – die Erwartungen an die Wohltaten des automatisierten Fahrens sind zum Teil sehr hoch. Doch die Auswirkungen selbstfahrender Autos sind nicht nur positiv.

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Bis zum Jahr 2050 könnten auf Autobahnen ca. 40 Prozent aller gefahrenen Kilometer automatisiert erfolgen.
Bis zum Jahr 2050 könnten auf Autobahnen ca. 40 Prozent aller gefahrenen Kilometer automatisiert erfolgen.
(Bild: Clipdealer )

Automatisierung und fahrerlose Fahrzeuge werden den Straßenverkehr tiefgreifend verändern. Offen ist allerdings, bis wann Systeme in privat genutzten Pkw vorhanden sind, die für alle Menschen neue Mobilitätsoptionen eröffnen und den Verkehr effizienter, komfortabler und sicherer machen.

Automatisiert auf der Landstraße: Nur 4 Prozent der Fahrleistungen im Jahr 2050

Je nach Straßentyp schwankt das Potenzial der Automatisierung sehr stark. Die Studie unterstellt, dass Automatisierungsfunktionen ab 2020 zuerst für den Autobahnverkehr angeboten werden. Bis zum Jahr 2050 könnten dort etwa 40 Prozent aller gefahrenen Kilometer automatisiert absolviert werden. Allerdings wird auf Autobahnen nur ein Drittel der Fahrleistungen erbracht. Zudem sind die Autobahnen schon heute unsere sichersten Straßen und der Anteil der Verkehrstoten ist mit 12 Prozent relativ gering.

Systeme, die auch den Stadtverkehr beherrschen und erst recht solche, die auf allen Straßenarten funktionieren, kommen der Studie folgend erst deutlich später auf den Markt. Gerade auf Landstraßen würden Automatisierungsfunktionen jedoch die größte Wirkung entfalten. Dort wird knapp die Hälfte der Fahrleistungen erbracht, hier sind aber auch mit einem Anteil von 60 Prozent die meisten Verkehrstoten zu beklagen. Entsprechende Systeme für Landstraßen werden vermutlich erst gegen 2040 verfügbar sein. Ihre Verbreitung im Bestand ist somit bis 2050 noch so gering, dass nur 4 Prozent der Fahrleistungen automatisiert erfolgen. Die komplette Studie können Sie hier nachlesen.

Das autonome Auto setzt den ÖPNV unter Druck

Irgendwann zwischen 2030 und 2040 werden auf unseren Straßen mehr autonome Fahrzeuge als von Menschen gelenkte Fahrzeuge unterwegs sein – analysiert hingegen eine Studie der TU Wien. Doch sehen auch die österreichischen Wissenschaftler noch etliche kritische Punkte. Vor allem aber würden die Auswirkungen der oft unterschätzt.

„Selbstfahrende Autos haben zweifellos viele Vorteile“, sagt Prof. Günter Emberger vom Institut für Verkehrswissenschaften der TU Wien. „Sie könnten die Kapazität unserer Straßen erhöhen, die Gefahr von Verkehrsstaus senken und somit die Effizienz steigern.“ Allerdings müsse man auch die negativen Seiten bedenken. so Emberger. Die Anzahl der mit dem Auto zurückgelegten Kilometer pro Person werde steigen, der öffentliche Verkehr gerate noch weiter unter Druck, die Zersiedelung nehme ebenfalls zu.

Autofahren werde plötzlich für jeden zugänglich, so die Autoren der Studie weiter.Selbst Kinder könnten sich im selbstfahrenden Auto zur Schule fahren lassen. Damit wird nach Ansicht der Forscher das Auto zum noch stärkeren Konkurrenten für den öffentlichen Verkehr. "Wenn man sich im autonomen Fahrzeug komfortabel ans Ziel kutschieren lässt, kann man die Zeit problemlos für Arbeit oder Freizeitaktivitäten nutzen. Das könnte dazu führen, dass man längere Pendelstrecken in Kauf nimmt, sich weit entfernt vom Arbeitsplatz niederlässt und somit die problematische Zersiedelung des ländlichen Raums weiter verstärkt wird", so die Wiener Wissenschaftler weiter.

Komplexe Zusammenhänge im Computermodell beschrieben

Wie die vielen betroffenen Bereiche – von der Verfügbarkeit öffentlicher Verkehrsmittel über die Kosten privater Parkplätze bis hin zu den Anschaffungskosten selbstfahrender Autos – zusammenhängen, wurde nun in der gemeinsamen Studie von TU Wien, BOKU und Universität Leeds untersucht. In Computermodellen, berechnet am Beispiel der Stadt Leeds, wurde untersucht, wie die vielen maßgeblichen Parameter realistischerweise aufeinander einwirken können.

„Unsere Modelle sagen eine Zunahme der pro Person zurückgelegten Kilometer von 30 bis 40% voraus“, sagt Günter Emberger. „Die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel sowie die zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegten Strecken gehen hingegen um 5 bis 20% zurück.“ Die Daten wurden für Leeds errechnet, zumindest ihre Tendenz lässt sich aber auch auf andere Städte übertragen. Simulationen zur Stadt Wien werden derzeit vorbereitet. Einen signifikanten Einfluss auf die Ergebnisse hat die Frage, ob in Zukunft Privatpersonen ihre eigenen selbstfahrenden Autos besitzen werden, oder ob die Fahrzeuge als gemeinschaftlich genutztes Mobilitätssystem allen zur Verfügung stehen. Im Fall geteilter Fahrzeuge wären die Auswirkungen weniger dramatisch.

„Man kann aus heutiger Sicht keine einfache Lösung vorschlagen“, sagt Günter Emberger. „Aber klar ist, dass wir heute darüber nachdenken müssen, wenn wir in Zukunft die Nachteile dieser Entwicklung in den Griff bekommen wollen.“ Alle Einzelheiten der TU-Wien-Studie, können Sie hier nachlesen.

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