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Autonomes Fahren in China: Cockpit im Sinneswandel

| Redakteur: Benjamin Kirchbeck

Hören und Sehen vergehen einem nicht im Auto, denn zukünftig spielen die Sinne beim Fahren eine andere Rolle. So heißt in China die permanente Beifahrerin im Nio ES8 Nomi, die als erstes, intelligente In-Car-AI-System den Ton angibt. Was das Autonome Fahren im Reich der Mitte noch so hergibt und welche Rolle dabei der Cluster Automotive von Bayern Innovativ spielt, skizziert diese Momentaufnahme.

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Gerade das Autonome Fahren hat in China enormen Rückenwind, was auch die vielen Testareale demonstrieren, deren Ausmaße riesig sind (Symbolbild).
Gerade das Autonome Fahren hat in China enormen Rückenwind, was auch die vielen Testareale demonstrieren, deren Ausmaße riesig sind (Symbolbild).
(Bild: BI)

Autonomes Fahren wird ebenso wie die Elektromobilität und die Vernetzung von Autos in China gepuscht. Die Regierung forscht nach Angaben des Verkehrsministeriums an der Straßeninfrastruktur für selbstfahrende Autos. Einige Metropolen wie Peking haben lokale Vorschriften und einzelne Straßen für Tests als auch ein abgeschlossenes Testgelände für autonome Fahrzeuge geöffnet. Beim Elektro-SUV ES8 von Nio wird bereits autonom das Bremsen, Beschleunigen und Steuern übernommen, auch wenn der Fahrer stets eingreifen können muss.

Der Internetkonzern Baidu, der unter anderem eine in China recht bekannte Suchmaschine betreibt, will bereits in einigen Jahren nahezu autonom fahrende Autos in sehr großer Zahl auf den Markt bringen. Die Flotte soll das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit dem chinesischen Automobilkonzern BAIC sein. Baidus Betriebssystem „Apollo“ für autonome Fahrezeuge vefügt sogar über eine offene Schnittstelle zur Code-Plattform Github.

Co Creators und Influencer

Auch andere lokale Autofirmen entwickeln mit Hochdruck autonome Fahrzeuge. Der Staatsriese Changan Automobile Co. kündigte an, demnächst die Produktion eines kompakten Crossover mit Autonomie der zweiten Ebene zu starten. Volvo-Eigentümer Geely heuerte den schwedischen Spezialisten für Sicherheitssysteme, Autoliv, und dessen Software Joint-Venture Zenuity an, um Fahrassistenasysteme des dritten Levels (Hochautomatisiertes Fahren) zu entwickeln – mit denen das Auto in den meisten Situationen selbst fährt. Auch Chinas führende Technologiefirmen sind in den Sektor eingestiegen und kooperieren mit verschiedenen Autobauern – darunter die drei Internetriesen Baidu, Tencent und Alibaba. Das Autonome Fahren entwickelt sich schnell, so dass in den nächsten sieben Jahren rund 30 Millionen Level 4 bis Level 5 Fahrzeuge auf chinesischen Straßen unterwegs sein werden.

In Shenzhen gibt es das Unternehmen Roadstar.ai, das gerade mit 128 Millionen Dollar frischem Kapital versorgt wurde und von der Regionalregierung die Freigabe bekommen hat, seine umgerüsteten Fahrzeuge innerhalb der Stadtgrenzen zu testen. In Guangzhou hat das mit über 200 Millionen Dollar ausgestattete Startup Pony.ai angekündigt, in ein paar Monaten mit einem vollautonomen Ridehailing Dienst mit 20 Fahrzeugen starten zu wollen.

BMW betreibt mit dem chinesischen Internetriesen Tencent, der auch die weltweit populäre Handyplattform WeChat betreibt, ein Rechenzentrum nahe Peking mit über 1000 Ingenieuren, das mit München an gemeinsamen Algorithmen forscht und entwickelt. Mit Hinweis auf die strengen chinesischen Cyber-Sicherheitsgesetze betonte man bei der Kooperation, dass keine in China gesammelten Daten transferiert werden, sondern die Ergebnisse und Erkenntnisse der eigenen Data-Driven Development Plattform, auch D³ genannt, dienen. Tencent wird die entsprechende IT-Architektur und die Sicherheitsbestimmungen für die Plattform abbilden und weitere Entwicklungsarbeit im Bereich des Autonomen Fahrens in die Kooperation mit einfließen lassen.

Nios Nomi als Beifahrer der Zukunft

Stellvertretend für die rasche Entwicklung beim Autonomen Fahren in China steht dafür das erste intelligente In-Car-AI-System Nomi im Nio ES8, das die Ankunft des Besitzers sehen und die Sitze und die Lenkradposition entsprechend schnell einstellen kann. Auf Wunsch macht Nomi auch ein Selfie oder spielt eine bestimmte Musik. Damit wird das Auto zu einem intelligenten, unterhaltsamen, ausdrucksstarken und intuitiven „Freund“, der hören, sprechen und sehen kann.

Nio hat eine strategische Zusammenarbeit mit Mobileye bekannt gegeben, weltweit führend in der Entwicklung von Bildverarbeitungstechnologien für Fahrerassistenzsysteme (ADAS) und autonomes Fahren. Gemeinsam entwickelt man ein selbstfahrendes System, das auf dem Level-4-AV-Kit von Mobileye aufbaut. Geplant ist, dass Nio das System für Mobileye in Serie produzieren wird und es in China in seine Elektrofahrzeuglinien für Verbrauchermärkte und für die fahrerlosen Hagelschutzdienste von Mobileye integrieren wird.

Autonomes Fahren als Game Changer

Auch wenn sich die Absatzzahlen von Nio im Vergleich zu den deutschen Autobauern noch äußerst gering darstellen, so sind deren Ambitionen, vernetzte Funktionen im Auto zu integrieren, zeitgemäß und bedürfnisgerecht bezüglich Unterhaltung und Bequemlichkeit zugeordnet. Gerade das autonome Fahren hat in China schon enormen Rückenwind, was auch die vielen Testareale in China demonstrieren, deren Ausmaße riesig sind. Autonomes Fahren wird den internationalen Mobilitätsmarkt noch stärker verändern als die Elektromobilität.

Aktuelles Lidar-Projektbild von LiangDao, das Sensordatenverarbeitung an Infrastrukturen inkl. Umgebungserfassung darstellt.
Aktuelles Lidar-Projektbild von LiangDao, das Sensordatenverarbeitung an Infrastrukturen inkl. Umgebungserfassung darstellt.
(Bild: LiangDao)

LiangDao zeigt sich in diesem Themenfeld als Dienstleister und Systemintegrator, der in beide Richtungen einen Technologietransfer unterstützt. Das Autonome Fahren in Deutschland lässt sich zu dem in China nicht vergleichen, weder technologisch noch verhaltenstechnisch. Daher sieht sich das Unternehmen als Partner, Toolketten von Hardware bis zum Sensor spezifisch zu entwickeln, testen und validieren. Interessante Projekte mit neuen Stakeholdern wie Versicherungen machen klar, dass das Autonome Fahren neue Mitspieler hat, die die Perspektiven beispielsweise zu Fahrverhalten und Profilentwicklung anders bewerten. Unterschiedliche Systemerfahrungen und auch Markterwartungen eröffnen LiangDao somit BigData-Lösungen, die deutschen und chinesischen Unternehmen einen Marktzugang offerieren.

Passend dazu ein Zitat von Dr. Yang Ji, Entwicklungsleiter von LiangDao in München: „Autonomes Fahren ist ein Anwendungsfeld für AI, das für Versicherungsprodukte interessant ist. Neue AI-Methoden eröffnen für die Versicherungsbrache ganz neue Potenziale, die auf Big Data basieren. LiangDao ist mit intelligenten Prozessen für Test & Validierung dran, die Preisbildung der Versicherungsprodukte zu definieren.“ An diesem Beispiel sieht man, wie sich Deutschland und China ergänzen können und der Cluster Automotive von Bayern Innovativ als Networker und Katalysator fungiert, die richtigen Partner und Stakeholder zusammen zu bringen. Projekte und Systeme gemeinsam zu entwickeln, Technologie zu validieren und Ziele zu detektieren ist eine Vorgehensweise, die auch LiangDao in der Zusammenarbeit schätzt.

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