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Automobilindustrie: Tiefrote Zahlen und ein beschleunigter Wandel

| Redakteur: Benjamin Kirchbeck

Geschlossene Autohäuser, stillstehende Fabriken, Absatzeinbrüche rund um den Globus: Die Autoindustrie ist im ersten Quartal in eine tiefe Krise geraten. Die Entwicklung, die für das kommende Jahrzehnt prognostiziert war, findet nun im Zeitraffer statt.

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Mit Ausnahme von Tesla verzeichneten alle untersuchten Hersteller im ersten Quartal ein Absatzminus.
Mit Ausnahme von Tesla verzeichneten alle untersuchten Hersteller im ersten Quartal ein Absatzminus.
(Bild: Clipdealer)

Der Gesamtgewinn der 17 größten Autokonzerne der Welt schrumpfte im ersten Quartal 2020 um 58 Prozent auf 7,5 Milliarden Euro und damit auf den niedrigsten Stand seit 2009. Der Umsatz ging um neun Prozent zurück, die Zahl der verkauften Neuwagen sank sogar um 21 Prozent. Immerhin: Bei der Bewältigung der Krise können die Autokonzerne auf ein großes Finanzpolster zurückgreifen. Zum Ende des ersten Quartals verfügten die größten Autokonzerne der Welt über liquide Mittel in Höhe von 207 Milliarden Euro – 13 Prozent mehr als drei Monate zuvor.

Die Zahlen zum ersten Quartal würden längst noch nicht das gesamte Ausmaß der Krise zeigen, betont Constantin M. Gall, Leiter des Bereichs Automotive & Transportation bei EY: „Im ersten Quartal haben wir nur die anfänglichen Auswirkungen der weltweiten Covid-19-Pandemie gesehen. Das zweite Quartal wird noch sehr viel schlechter ausfallen. Dann wird die Autoindustrie weltweit tief in die roten Zahlen rutschen.“ Vier Unternehmen wiesen schon zum Jahresauftakt ein negatives operatives Ergebnis aus, im zweiten Quartal wird nach Galls Einschätzung sogar die Mehrzahl der Konzerne Verluste machen. „Gerade Unternehmen, die vor allem auf dem europäischen Markt engagiert sind, wird es im zweiten Quartal hart treffen, denn hier war der Absturz besonders massiv.“

Krise beschleunigt Konsolidierung und Stellenabbau

Die derzeitige Krise verstärkt einen Abwärtstrend, der sich schon länger abzeichnete: Bereits im vergangenen Jahr waren die Gewinne der Autokonzerne deutlich zurückgegangen – insgesamt um 13 Prozent, die Profitabilität war auf den niedrigsten Stand seit 2009 gesunken. Die Margen waren schon vor der Corona-Krise stark unter Druck. Der Grund waren hohe Investitionen in die Elektrifizierung und Digitalisierung, Handelsstreitigkeiten und eine schwache Konjunkturentwicklung. „Nun steht der Branche eine lange Durststrecke bevor. Denn die massiven konjunkturellen Folgen der weltweiten Eindämmungsmaßnahmen führen zu steigenden Arbeitslosenzahlen, Unternehmensinsolvenzen, Sparmaßnahmen bei Unternehmen und Einkommensverlusten bei Privatleuten“, analysiert Peter Fuß, Partner bei EY.

Daher komme jetzt alles auf den Prüfstand, ergänzt Gall: „Investitionen, die nicht unbedingt nötig sind, werden verschoben. Und die Konsolidierung beschleunigt sich – diese Krise werden nicht alle Autohersteller überleben.“ Die übrigen Konzerne würden näher zusammenrücken und sehr viel enger zusammenarbeiten als bisher. Auch an Werkschließungen führe kein Weg vorbei. „Die Autoindustrie litt schon vor Corona unter hohen Überkapazitäten – spätestens jetzt gibt es keinen Grund mehr, Kapazitäten vorzuhalten, die auf absehbare Zeit nicht gebraucht werden und massiv die Margen belasten“, betont Fuß.

Entsprechend rechnet er mit Arbeitsplatzverlusten im großen Stil: „Die Pandemie führt dazu, dass eine Entwicklung, die für das kommende Jahrzehnt prognostiziert war, nun im Zeitraffer stattfindet.“ Umso wichtiger sei es, dass nun – etwa durch das Konjunkturpaket der Bundesregierung – die Weichen richtig gestellt würden, damit Investitionen in Zukunftstechnologien gefördert und somit die Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit der Autoindustrie trotz der Krise gestärkt werden.

Entwicklung in China macht Hoffnung

Die stärksten Einbußen wurden im ersten Quartal in China registriert: Dort brach der Pkw-Absatz um 38 Prozent ein. In Westeuropa schrumpften die Verkäufe um 28 Prozent, in den USA um 15 Prozent. Die bisher vorliegenden Zahlen zum laufenden zweiten Quartal zeigen aber, dass sich die Situation in China erstaunlich rasch normalisiert hat: Im April lag der Absatz nur noch leicht unter dem Vorjahresniveau, im Mai sogar darüber. Gerade die deutschen Autokonzerne dürften von der Markterholung in China profitieren: Mehr als jedes dritte Fahrzeug aus der Produktion der deutschen Autokonzerne wurde im vergangenen Jahr in China verkauft.

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