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“Auch wenn die Produktion zeitweise stillsteht, darf es die Transformation nicht“

| Redakteur: Benjamin Kirchbeck

Europaweit fehlen der Automobilbranche rund fünf Millionen Fahrzeuge bei den geplanten Verkäufen. Doch die Marktverschiebungen können auch als Chance für die Transformation der Industrie genutzt werden.

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(Bild: Clipdealer )

Die COVID-19-Krise und die damit verbundenen Einschränkungen haben den weltweiten Automobilmarkt in eine tiefe Krise gestürzt: Allein in Europa ging im April 2020 die Zahl der neu zugelassenen Fahrzeuge im Vergleich zum selben Monat des Vorjahrs um ca. 85 Prozent zurück. In Deutschland brach im April die Fahrzeugproduktion um 97 Prozent ein, lediglich rund 10.000 Fahrzeuge konnten die Hersteller fertigstellen. Für den Produktionsausfall in Europa liegen bislang erst Schätzungen vor, die sich aber ebenfalls auf ca. minus 97 Prozent belaufen.

„Wir rechnen damit, dass der Einbruch im April noch schlimmer als ursprünglich erwartet ausfällt. Interessant ist der Vergleich mit China: Dort ging die Produktion im Lockdown nur um 82 Prozent zurück,“ meint Felix Kuhnert, Global Automotive Leader bei PwC Deutschland. uropa habe die Schließungen also offenbar noch konsequenter umgesetzt. Für die USA beziffern die Experten ihre Schätzungen für den Produktionsausfall auf 99,9 Prozent – de facto ein totaler Stillstand.

Betrachtet man das Gesamtjahr von Januar bis April 2020 ging das Absatzvolumen in Europa um ca. 41,4 Prozent zurück, die Produktion um ca. 38 Prozent. Im Vergleich zum ohnehin schwachen Vorjahr 2019 erwarten die PwC-Experten nach Szenario-Untersuchungen einen möglichen Rückgang um 32 Prozent. In absoluten Zahlen entspricht das etwa fünf Millionen Fahrzeugen, die der Branche bei den Verkäufen fehlen.

Erkenntnisse aus der Finanzkrise 2008

Heute können Incentives, wie sie nach der Finanzkrise in Teilen Europas in unterschiedlichen Maßen eingeführt wurden, ein Plus von rund einer Million neuen Fahrzeugen bringen – das klingt im Vergleich zu 5 Millionen Marktrückgang möglicherweise zunächst wenig beeindruckend. Im Vergleich zur Finanzkrise stehe allerdings diesmal der Käufer im Vordergrund, denn die sozialen Beschränkungen haben die Nachfrage maßgeblich beeinträchtigt, erklärt Kuhner.

Der richtige Zeitpunkt spielt ebenfalls eine wichtige Rolle, denn erst nach der Rückkehr zur Normalität kehre auch die Kaufbereitschaft zurück. „Mehr als die erfassten Neuzulassungen haben die Verschrottungsprämien auch dazu beigetragen, übergroße Fahrzeugbestände abzubauen“, ergänzt Christoph Stürmer, Global Lead Analyst bei PwC Autofacts. „Zusätzlich zu jedem Neufahrzeug ist schätzungsweise mindestens ein Auto aus dem Bestand verkauft worden, und hat damit die Voraussetzungen für neue Produktion geschaffen. Andererseits sind die heute hohen Lagerbestände eine weitere Gefahr für die Zulieferer, von einem Anreizprogramm nicht unmittelbar profitieren zu können.“

Die Marktanteile der alternativen Antriebe haben sich schon zu Anfang des Jahres stark erhöht, und sind auch in der Krise weitergewachsen – die Förderungen mit 6.000 Euro Bonus und halbiertem Steuersatz für elektrische Dienstwagen haben bereits zu langen Wartezeiten für diese Fahrzeuge geführt. Wenn die Produktion wieder anfängt, werden diese Fahrzeuge verstärkt auf den Markt kommen. Um die Automobilindustrie langfristig als Leitindustrie zu erhalten, seien über alternative Antriebstechnologien hinaus außerdem Maßnahmen erforderlich, die die Transformation der Branche und der Mobilität insgesamt voranbringen.

Auch wenn die Produktion zeitweise stillsteht, dürfe es die Transformation nicht. Jetzt bestehe die Notwendigkeit, branchenübergreifend innovative Technologien, Mobilitäts- und Vertriebskonzepte voranzutreiben. „Das beginnt bei zusätzlichen Investitionen in die Infrastruktur für E-Mobilität und autonomes Fahren, und reicht bis hin zu innovativen Abo-Modellen im Automobilverkauf. Hier hat die Automobilindustrie im Vergleich zu anderen Industrien und Produkten, wie zum Beispiel Fast Moving Consumer Goods bei innovativen Vertriebswegen, Online-Geschäftsmodellen sowie schnellen Methoden zur Geschäftsabwicklung noch starken Aufholbedarf.“

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