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Auch Verbrenner fahren mit Strom

| Autor/ Redakteur: Julian Affeldt * / Thomas Kuther

„Elektroautos brauchen sehr viel Strom“ – so die Meinung vieler. Doch so viel ist das gar nicht, wenn wir es mit dem Stromverbrauch von Autos mit Verbrennungsmotor vergleichen. Denn auch diese brauchen viel Strom, der mit dem Ende des Verbrennungsmotors eingespart werden könnte.

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Die Raffinerie Leuna: Ein Teil der Anlagen der „Total“- Erdölraffinerie in Leuna/Sachsen-Anhalt. Mit genauen Verbrauchsdaten ist Total zurückhaltend.
Die Raffinerie Leuna: Ein Teil der Anlagen der „Total“- Erdölraffinerie in Leuna/Sachsen-Anhalt. Mit genauen Verbrauchsdaten ist Total zurückhaltend.
(Bild: TOTAL Raffinerie Mitteldeutschland)

Womit heizen Sie? Vielleicht mit Strom? Nein, natürlich nicht, werden Sie sagen. Wer heizt denn noch mit Strom? Sie heizen sicher mit Öl oder Gas oder Holzpellets oder mit Umweltwärme. Doch egal, womit Sie heizen, auch Sie heizen mit Strom, denn auch Ihre Heizung benötigt Strom, und davon nicht zu knapp.

Denn jede Heizung braucht Strom für verschiedene Dinge: sei es die Steuerelektronik in der Heizung direkt (Grundverbrauch bzw. Standby-Verbrauch) oder in der Raumsteuerung, in den elektronischen Heizkörperventilen, in den elektrisch betriebenen Ventilen Ihrer Fußbodenheizung, für den Innen- und/oder Außenthermostat, die Kondensatpumpe, natürlich und in erster Linie für die Umwälzpumpen des Heizwassers oder der Solareinheit bis hin zum Gebläse in Ihrer Brennwerttherme, ohne die die Abgase nicht ins Freie gelangen würden. Selbst die Beleuchtung in Ihrem Heizungsraum gehört irgendwie dazu und der Notheizstab in der Wärmepumpe natürlich auch. Ohne Strom also keine Heizung.

Jede der 15.000 Tankstellen in Deutschland braucht im Durchschnitt rund 200.000 kWh pro Jahr, das sind insgesamt 600.000 MWh. 20% weniger braucht diese Aral-Tankstelle in Bochum dank LED-Beleuchtung.
Jede der 15.000 Tankstellen in Deutschland braucht im Durchschnitt rund 200.000 kWh pro Jahr, das sind insgesamt 600.000 MWh. 20% weniger braucht diese Aral-Tankstelle in Bochum dank LED-Beleuchtung.
(Bild: Aral)

Nach einer Beratung in unserer Umwelt-AG über den Stromverbrauch von Umwälzpumpen wollte ich den Stromverbrauch unserer aktuellen Brennwerttherme ermitteln. Dabei handelt es sich um eine AuroCompact von Vaillant mit integrierter Solareinheit und Solarspeicher für die Brauchwassererwärmung. Dazu musste ich den Festanschluss der Heizung an die Stromversorgung kappen, mit einem Schukostecker verbinden und zwischen einer Steckdose und der Heizung noch ein Bluetooth-Messgerät mit Langzeitspeicher installieren, weil ich nicht nur den Gesamtverbrauch, sondern auch mehr über das Verbrauchsprofil in Erfahrung bringen wollte, also den Momentanverbrauch unter verschiedenen Betriebsbedingungen.

Diese Auswertung brachte interessante Fakten zutage, u.a. einen sehr hohen Grund- bzw. Standby-Verbrauch von immerhin 7,5 W (365/7/24 = 65 kWh/Jahr), der Leistungsaufnahme der Umwälzpumpe für das Heizungswasser (ca. 35 W) bis hin zur maximalen Leistungsaufnahme von knapp 115 W bei Vollbetrieb (Heizbetrieb inkl. Solareinspeisung aus den Vakuumkollektoren). Der prognostizierte Jahresstromverbrauch der kleinen Therme mit Hocheffizienzpumpen: mehr als 140 kWh pro Jahr.

Im Vergleich zum Jahresenergieverbrauch für Heizung und Warmwasser (ca. 6000 kWh, wir heizen mit Erdgas) recht wenig, im Vergleich zum Stromverbrauch unseres Hauses (ca. 1000 kWh) aber sehr viel. Und das ist eine recht moderne und sparsame Heizanlage – wie viel Strom ziehen da erst alte Geräte mit völlig veralteten Pumpen und dem Ganzen Drum und Dran?

Und das geht noch weiter, denn noch viel mehr Strom wird verbraucht, um Ihren Energieträger (Öl, Gas oder Holz) zu Ihnen nach Hause zu bringen! Denken Sie nur mal an all die Pumpen, die Öl und Gas weltweit durch die Pipelines drücken. Vielleicht denken Sie jetzt: Was geht mich dieser Verbrauch an? Oder wie steht es mit dem Stromverbrauch, um überhaupt Strom nutzen zu können (Stichwort: Eigenverbrauch der Kraftwerke)?

Es geht Sie und uns und mich etwas an, denn OHNE diesen Stromverbrauch könnten wir alle, Sie und ich, nicht heizen. Strom als Zusatzenergie wird fast immer und überall benötigt. Wer mit einer Wärmepumpe heizt, weiß am besten, wovon ich schreibe, denn ohne Strom geht da gar nichts. Und dabei dachten Sie, Sie heizen mit Öl oder Gas.

Jetzt aber von der Heizung zum Auto

Dieses Beispiel voranzustellen war wichtig, um aufzuzeigen, dass wir in vielen Fällen Primär- und weitere Energieträger benötigen, um „etwas zu tun“. Häufig wird in diesem Zusammenhang von „grauer Energie“ gesprochen. Schon wenn Sie nur ein Blatt Papier bedrucken wollen, benötigen Sie dazu nicht nur den Strom für Ihren PC, den Drucker und ggf. etwas Licht. Schon die Herstellung, der Transport, die Verpackung und auch der Verkauf des Papiers (Betrieb eines Geschäftes) benötigen Energie, zumeist in Form von Wärme (Prozesswärme und Heizenergie) und Strom (für Geräte, Beleuchtung und Verwaltung).

Dieser Energieaufwand wird als „graue Energie“ bezeichnet und steckt also bereits im Produkt, bevor Sie dieses überhaupt benutzen (also das Papier in Ihren Drucker einlegen und auf „drucken“ klicken). Dieser „energetische Rucksack“ steckt nicht nur im Papier, sondern z.B. auch in jedem Solarmodul, jedem Wechselrichter, jedem Stück Kabel, jedem Stück der Unterkonstruktion. Eine Solaranlage oder Windkraftanlage ist also nur dann ökologisch sinnvoll, wenn sie während ihrer Lebensdauer mehr sauberen Strom erzeugt – und damit CO2 einspart – als für die Herstellung einst nötig war (denn die Herstellung erfolgt meist nicht mit CO2-freien Energieträgern). Viele Prozesse, z.B. die Betonherstellung, setzen sogar zusätzliches CO2 frei. All diese Emissionen müssen überkompensiert werden. Zum Glück wissen wir heute sehr genau, dass Solaranlagen und Windkraftanlagen dazu in der Lage sind.

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