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Aktueller Stand und Ausblick: Vernetzte Sicherheit bei Nutzfahrzeugen

| Autor / Redakteur: Stewart Haston / Benjamin Kirchbeck

Intelligente Fahrerassistenzsysteme wirken sich bereits heute positiv auf die Effizienz und Sicherheit des Fahrens aus und könnten dazu führen, dass Unfälle und Staus eines Tages der Vergangenheit angehören. Eine Entwicklung von der auch Nutzfahrzeuge stark profitieren.

Zurzeit werden Fahrerassistenzsysteme überwiegend zur präventiven Unfallverhütung eingesetzt. Doch zukünftig werden immer mehr FAS auf den Markt kommen, die zusätzlich auch den Fahrkomfort oder die Effizienz steigern.
Zurzeit werden Fahrerassistenzsysteme überwiegend zur präventiven Unfallverhütung eingesetzt. Doch zukünftig werden immer mehr FAS auf den Markt kommen, die zusätzlich auch den Fahrkomfort oder die Effizienz steigern.
(Bild: Clipdealer)

Momentan sind Staus und schwere Unfälle immer noch Teil der aktuellen Verkehrslage. 2019 kamen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Deutschland 3059 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben und 384.000 Personen wurden verletzt. Besonders häufig in Schwerstunfälle verwickelt waren Nutzfahrzeuge, wie Omni- /Reisebusse oder schwere Lastkraftwagen. Seit 1992 hat allein bei Unfällen, in denen Busse verwickelt waren, die Zahl der Vorfälle um 2,9 % zugenommen. Die Gesamtzahl der Personen, die in Bussen verunglückten, hat sich gegenüber 1992 sogar um 36,5 % erhöht. Neben schlechten Straßenverhältnissen oder technischen Mängeln werden laut Angabe der Polizei die meisten Unfälle durch Verfehlungen des Fahrers ausgelöst. Die häufigsten Fehler treten beim Abbiegen, Wenden, Rückwärtsfahren und Ein- oder Anfahren auf. Doch auch missachtete Vorfahrt, zu geringer Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug oder Geschwindigkeitsüberschreitung gehören zu den häufig genannten Unfallursachen, ebenso wie kurze Momente der Unaufmerksamkeit, wie zum Beispiel der Sekundenschlaf.

Bei der Verbesserung und Korrektur menschlichen Fehlverhaltens im Straßenverkehr leisten vor allem Fahrerassistenzsysteme, kurz FAS (englisch: Advanced Driver Assistance Systems = ADAS) einen wesentlichen Beitrag. Sie verleihen dem Fahrer in kritischen Fahrsituationen sozusagen ein zweites Paar Augen, das ihm hilft, Gefahren zu umgehen, Unfälle zu vermeiden und Stress zu minimieren – egal, ob er gerade auf einer stark befahrenen Autobahn oder im dichten Stadtverkehr unterwegs ist. FAS-Systeme können innerhalb von Sekundenbruchteilen gefährliche Fahrsituationen erkennen und den Fahrer visuell, akustisch oder taktil darauf aufmerksam machen. In Extremfällen greifen sie sogar selbst in den Fahrvorgang ein, indem sie zum Beispiel den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug automatisch anpassen.

FAS-Systeme findet man mittlerweile in allen Fahrzeugarten: angefangen von PKWs, Nutz- oder Sonderfahrzeugen bis hin zu Krafträdern. Sie sind in der Lage, die Fahrspur zu halten, eine Notbremsung einzuleiten sowie den toten Winkel zu überwachen, oder sie warnen, wie beim Abbiegeassistenten, den Fahrer, sobald das Fahrzeug in eine kritische Situation gerät. FAS-Systeme arbeiten auf Basis unterschiedlichster Informationen, die sie aus der Verkehrssituation, den Überwachungsfunktionen und den Fahrzeugdaten entnehmen. Dazu zählen aktuelle Umgebungsdaten von Kameras, Radarsystemen für den Nah- und Fernbereich sowie vielen Sensoren ebenso, wie die Daten des GPS-Systems, mit deren Unterstützung die exakte Fahrzeugposition und der weitere Straßenverlauf bestimmt werden können. Der Fahrer wird darüber informiert, welche Steigungen, Gefälle, gefährliche Kurven, Kreuzungen oder Einmündungen ihn im Streckenverlauf erwarten. All dies erzeugt eine hohe Datenflut, die nahezu in Echtzeit übertragen und in der Regel mittels KI-basierter Software verarbeitet wird.

FAS-Systeme gehören heute in den Fahrzeugen vielfach zur Standardausstattung. Andere Features, wie zum Beispiel die automatische Notbremsfunktion, sind seit 2015 für LKW und Busse sogar gesetzlich vorgeschrieben. In Nutzfahrzeugen, wo Fahrer allzu häufig unter starkem Termindruck stehen, bzw. lange Lenkzeiten und Nachtfahrten haben, tragen automatische Warnungen und Eingriffe in kritischen Situationen wesentlich dazu bei, Menschenleben und Fahrzeug zu schützen.

Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) hat in einem mehrjährigen Forschungsprojekt den Nutzen von verschiedenen Fahrerassistenzsystemen für PKW, LKW und Bus untersucht; mit dem Ergebnis, dass FAS die Sicherheit von PKWs mit einem Minimalwert von 2 % (Totwinkelwarner) bis zu einem Maximalwert von knapp 45% (Notbremssystem) erhöhen. Im LKW-Bereich bewegte sich der ermittelte Nutzen zwischen 2% (Spurverlassenswarner) und 12% (Notbremsassistent), für Busse ergaben sich Potenziale von knapp 1 % (Spurverlassenswarner) bis 15% (Notbremsassistent). Infolgedessen plant die EU ab 2022 denn auch die verpflichtende Einführung einer Vielzahl von Assistenzsystemen, sowohl für PKW, als auch für LKW, Kleintransporter, Busse und LKW-Anhänger.

Zentral gesteuerte FAS für Busse

Unternehmen wie Volvo oder Daimler verwenden hochentwickelte, zukunftsweisende FAS mittlerweile serienmäßig in ihren Bussen und LKWs. So setzt die Volvo Bus Corporation bereits seit 1951 FAS ein und erweitert ihr Angebot seitdem sukzessive: angefangen von der Servolenkung bis zur Auffahrfunktion, Spurhalteassistent oder Abstandsregler-Tempomat. „Null Unfälle mit Produkten der Volvo Group“, lautet denn auch die ehrgeizige Vision, die das Unternehmen auf seiner Website präsentiert. Auch Daimler verwendet FAS für seine Omnibusse von Mercedes-Benz und Setra, entweder als Serien- oder Sonderausstattung. Dazu gehören u.a. der Active Brake Assist, ein Notbremsassistent mit Fußgängererkennung und ein Abbiege-Assistent, der seit 2019 zur Serienausstattung in allen Bussen von Mercedes-Benz und Setra gehört.

Einen neuen Ansatz hat MAN für seine Nutzfahrzeuge entwickelt. Statt einer dezentralen E/E-Architektur, wie sie bislang in Fahrzeugen üblich ist, setzt das Unternehmen auf eine Technologie, deren Kern ein zentraler Rechner im Inneren des Fahrzeugs ist, über den alle Funktionen laufen und der alle Prozesse steuert. Neue Funktionen können dank Internetschnittstellen ähnlich wie beim Smartphone aufgespielt werden, ohne dass das Fahrzeug in die Werkstatt muss. Dank der zentralen Struktur arbeiten die unterschiedlichen Assistenzsysteme deutlich besser zusammen und steigern so die Performance des Fahrzeugs. So werden zum Beispiel die Kartendaten des LKW zentral bereitgestellt - mit dem Ergebnis, dass Funktionen wie das Antriebsstrangmanagement (Fahren, Schalten), die Kühlung oder der GPS-gestützte Tempomat hocheffizient arbeiten und wenig Kraftstoff verbrauchen.

Für Fahrzeugflotten, die ihre Omni- oder Reisebusse mit Sicherheitsassistenzsystemen nachrüsten wollen, bietet VIA Technologies, eine Sicherheitsassistenzlösung eigens für Großfahrzeuge an. Das VIA Mobile360 M810 System ist mit einem umfangreichen Spektrum an KI und Computer Vision gestützten FAS-Funktionen ausgestattet, darunter ein Anti-Kollisions- und Totwinkelwarner und ein Spurverlassenswarner. Fahrer werden in Echtzeit vor drohenden Risiken gewarnt. Gekoppelt mit dem Driver Monitoring System von VIA werden auch Ablenkungen des Fahrers, wie Müdigkeit oder Unaufmerksamkeit, automatisch erkannt und per Echtzeit in die Cloud übertragen, sodass der Flottenmanager rechtzeitig Gegenmaßnahmen treffen kann.

Fahrzeit wird zu Freizeit

Zurzeit werden Fahrerassistenzsysteme überwiegend zur präventiven Unfallverhütung eingesetzt. Doch zukünftig werden immer mehr FAS auf den Markt kommen, die zusätzlich auch den Fahrkomfort oder die Effizienz steigern. Diese Funktionen werden später bei den fortgeschrittenen Stufen des automatisierten Fahrens wichtig werden, wenn in kritischen Fahrsituationen nicht mehr der Mensch, sondern das System reagiert und ein externer Betreiber - nicht der Fahrer selber - das Fahrzeug ständig überwacht und für die Behebung eventueller Betriebsstörungen zuständig ist. Vernetzung ist das Stichwort für die Mobilität von morgen, bei der sich der klassische „fahrbare Untersatz“ zunehmend zum intelligenten Kommunikationsmittelpunkt wandelt, der mit anderen Verkehrsteilnehmern und der umliegenden Infrastruktur selbständig interagiert. Der Verkehr der Zukunft wird mit hoher Wahrscheinlichkeit sicher und staufrei sein. Er macht aus dem klassischen Fahrzeuglenker einen Passagier und wandelt Fahrzeit in Freizeit um. Eine neue, sicherlich vorteilhafte Situation, auch wenn sie mit Sicherheit neue Herausforderungen mit sich bringen wird.

* Stewart Haston ist für VIA Technologies als Marketing Manager tätig.

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